Der Wolf im Schafspelz

Jesus warnt vor den Wölfen, die in Schafspelzen einhergehen (vgl. Mt 7,15). Aber vielleicht ken­nen wir sogar Menschen, die „Wolf“ gerufen wer­den. Außer diesem gibt es keinen Tiernamen, den Menschen unverändert als Vornamen tragen. Es handelt sich um die Kurzform des Namens Wolfgang, ein Heiliger, dessen Fest wir in der vergangenen Woche am 31. Oktober gefeiert haben. Der Name bedeutet: „Mutig wie ein Wolf im Angriff“, etwas ganz anderes als das Sprichwort: „Mit den Wölfen heulen“; denn wer das tut, ist in keiner Weise bereit zu kämpfen, geschweige denn anzugreifen, sondern geht jeder Unannehmlichkeit aus dem Weg.

Am Dom in Münster ist außen an der südöstlichen Wand des West­querschiffes die Kopie eines Wolfes in Verbindung mit ei­nem Kranich zu sehen (das Orginal befindet sich in der Domkam­mer). Diese Darstellung geht auf eine Fabel zurück: Dem Wolf ist auf Grund seiner Gefräßigkeit ein Knochen quer im Hals steckengeblieben. Er wird daran ster­ben, daher verspricht er seinem Retter eine hohe Belohnung. Aus Angst will ihm aber niemand hel­fen. Der Kra­nich wagt es schließlich mit Hilfe seines langen Schnabels. Nach seiner Rettung will der Wolf die Belohnung aber nicht geben und verkündet, es sei genug, daß er den Kra­nich nicht gefressen habe.

Diese Fabel stellt den Wolf als ein durch und durch böses und durchtriebenes Tier dar, als größten Lügner und Täuscher. Wir kennen ihn vor allem aus den Grimm­schen Märchen „Rotkäppchen“ und „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“. Wenn wir den Wolf erkennen, ist er ungefährlich, und wir können normal mit ihm umgehen, wie es auch Rotkäppchen im Wald gelingt, als es vom Weg abweicht, oder wir können uns vor ihm schützen, wie es das jün­gste Geiß­lein tut. Wenn wir ihn aber nicht erkennen, wie es bei Rotkäppchen der Fall ist, als es brav auf dem Weg zur Großmutter geht, bringt er den Tod.

Der Kranich mahnt zur Wachsamkeit. Er hält einen Stein in seinen Krallen. Sollte er einschlafen, fällt dieser herunter und weckt den Schlafenden auf.

Eine dem römischen Dichter Plautus (ca. 254–184 v.Chr.G.) zugeschriebene Sentenz lautet: „Homo homini lupus est – Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“ Dieser Satz ist ambivalent; denn der Mensch kann sowohl dem anderen als auch sich selbst ein Wolf sein. Es kommt darauf an, ihn zu erkennen, um dann mit ihm leben oder zumindest sich vor ihm schützen zu können.

Bin ich schon weiter als Rotkäppchen, das den Wolf zwar zunächst erkennt, sich aber dennoch nicht vor ihm zu schützen weiß?

Siehe auch „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“.