5.8.2020

11. Die Affenbrotbäume (Kapitel V)

Der Planet, von dem der kleine Prinz auf die Erde gekommen ist, ist äußerst klein. Gefahr droht diesem durch die dort wachsenden Affenbrotbäume, die ihn eines Tages zersprengen, falls man nicht jeden keimenden Sproß sofort aus dem Boden reißt.

Besonders gefährdet ist die geliebte Rose des Kleinen Prinzen. Deshalb läßt er eine rigorose Disziplin walten und erklärt dem Autor: „Wenn man seine Morgentoilette beendet hat, muß man sich ebenso sorgfältig an die Toilette des Planeten machen. Man muß sich regelmäßig dazu zwingen, die Affenbrotbäume auszureißen, sobald man sie von den Rosensträuchern unterscheiden kann, denen sie in der Jugend sehr ähnlich sehn. Das ist zwar eine langweilige, aber sehr leichte Arbeit. [...] Zuweilen macht es ja nichts aus, wenn man seine Arbeit auf später verschiebt. Aber wenn es sich um Affenbrotbäume handelt, führt das stets zur Katastrophe. Ich habe einen Planeten gekannt, den ein Faulpelz bewohnte. Er hatte drei Sträucher übersehen...“

Das Beispiel der Affenbrotbäume zeigt, daß man gewisse Gewohnheiten ausrotten muß, bevor sie sich weiterentwickeln und übermächtig werden.

In der Meditation erfolgt das Sich-Versenken in das eigene Selbst. Selbstverwirklichung geschieht nicht von allein. Das zeigt die Tragödie mit den Affenbrotbäumen. Das Selbst darf man nicht nur geschehen lassen. Es hat auch eine notwendige Eigensteuerung, um der selbstzerstörerischen Widerwelt im Menschen zu begegnen. Symbol sind die Affenbrotbäume, die – wenn man die ersten Keimlinge nicht ausreißt – zu riesigen Bäumen werden, die den kleinen Planeten, die Wohnung des Selbst, sprengen. Solche Keimlinge sind die selbstzerstörerischen Süchte, Süchte nach Alkohol, Drogen, Tabletten und vielem mehr.

Selbstverwirklichung verlangt die lebenslange und beherzte Auseinandersetzung mit dem eigenen Schatten, den eigenen, spezifischen Gefährdungen des geistlichen Selbst. Mit dem Affenbrotbaum verbindet sich die anfängliche Unscheinbarkeit und Harmlosigkeit und Nichtunterscheidbarkeit von anderen Gewächsen, ein starkes Getriebensein, eine schmarotzerhafte Expansion. Überträgt man sein Bild auf das Seelische, wird man an die archetypische Erfahrung des Schattens denken. Übersieht man ihn, kann er unversehens das Bewußtsein überschwemmen und gänzlich aufsaugen. Daher ist es wichtig, sich Zeit zu nehmen, Zucht zu üben, Freude zu erwecken und zu meditieren. Statt der „Boa-Angst“ zu verfallen, gilt es, Vertrauen in die Macht der „Entwicklungshilfe“ durch Gottes Gnade zu setzen; denn sie vermag in der Bedrohung der Selbstverwirklichung zu helfen.