6.8.2020

12. Der Sonnenuntergang (Kapitel VI)

Eine weitere Gefährdung der Selbstwerdung ist die depressive Grundstimmung, die Traurigkeit und Melancholie, die Sphäre der Sonnenuntergänge und der Einsamkeit, die den Kleinen Prinzen umgibt. Sie ist wie ein Nachruf auf etwas, was leben müßte und doch nur schemenhaft gegenwärtig ist. Der Kleine Prinz erzählt dem Autor: „An einem Tag habe ich die Sonne dreiundvierzigmal untergehen sehn! [...] Du weißt doch, wenn man recht traurig ist, liebt man die Sonnenuntergänge ...“ Daraufhin fragt ihn der Autor: Am Tage mit den dreiundvierzigmal warst du also besonders traurig?“ Doch der Kleine Prinz gab ihm keine Antwort.

Wenn man sich auf die Sonnenuntergänge fixiert, gerät man in den Sog des passiven Wartens und des absteigenden Lebens, was zu einer negativen meditativen Haltung führt. Man erlebt nur noch das Ausatmen des Lebens, das Loslassen, ohne richtig einzuatmen, bewußt dazusein und aufzunehmen, und das bedeutet: Man kann sich nicht mehr ändern; denn die Trauer und die Depression lassen neue geistliche Erfahrungen nicht zu. Man stößt das Leben ab und empfindet Meditation und Gebet als Pflicht und Streß.

Welch aussichtslose psychische Verfassung, wenn man vom Sonnenuntergang so sehr fasziniert ist, daß der Sonnenaufgang im Leben überhaupt keine Rolle mehr spielt! Gerade auch in dieser verfahrenen Situation ist es wichtig, Vertrauen in die Macht der „Entwicklungshilfe“ durch Gottes Gnade zu setzen!