7.8.2020

13. Die Dornen der Rosen (Kapitel VII)

Während der Autor intensivst damit beschäftigt ist, sein Flugzeug zu reparieren, überschüttet der Kleine Prinz ihn voller Sorge mit Fragen, ob das Schaf seine geliebte Rose fressen könnte, wohingegen der Autor wie alle „großen Leute“ wichtigere Dinge zu tun hat.

Die Angst, gefressen zu werden, kennzeichnet eine weitere Gefährdung des eigenen Selbst. Man sagt, die Dinge, die Umwelt, die Termine, die Menschen „fressen einen auf“, wenn man überall Erwartungen spürt und sie alle erfüllen möchte. Wer aber kann das schon? Manche aber meinen, sie müßten das können. Wer von uns kennt diese Erfahrung nicht? „Fressen“ und „gefressen werden“, dahinter verbirgt sich eine orale und verbale Aggression. Man könnte „jemanden fressen“, hat ihn aber auch „zum Fressen gern“.

Zur Selbstverwirklichung gehört die Fähigkeit zur Selbstbehauptung und zur gesunden Aggression. Dieses Vermögen kann sich vor allem in depressiver Grundstimmung nicht entwickeln. Man kann nicht einfach in die Alltagsbeschäftigung fliehen und sich zum Beispiel wie der Autor mit der „Triebmechanik“ seines Flugzeugmotors beschäftigen.

Die aggressive Uneinsichtigkeit im Bewußtsein des Autors steigert im Kleinen Prinzen die Verlustangst um seine Rose und voller Erregung bricht es aus ihm hervor: „Wenn einer eine Blume liebt, die es nur ein einziges Mal gibt auf allen Millionen und Millionen Sternen, dann genügt es ihm völlig, wenn er zu ihnen hinaufschaut, um glücklich zu sein. Er sagt sich: Meine Blume ist da oben, irgendwo ... Wenn aber das Schaf die Blume frißt, so ist es für ihn, als wären plötzlich alle Sterne ausgelöscht! Und das soll nicht wichtig sein?“

Dann kann er nur noch schluchzen. Nun vollzieht sich eine Wende im Bewußtsein des Autors. Er verspricht dem Kleinen Prinzen, einen Maulkorb für das Schaf und einen Zaun für die Rose zu zeichnen, und nimmt ihn in den Arm. Diese Annahme seiner selbst, seines inneren Widerstrebens, läßt ihn still lauschen, was sich von innen her meldet.