8.8.2020

14. Die Pflege der Blumen (Kapitel VIII)

In diesem Kapitel erscheint die Rose. Es ist eine Geschichte der ersten Liebe, die an das „Dornröschen“-Märchen erinnert. Der Kleine Prinz hat auf seinem Planeten eine Rose, die ihre Gefühle durch Stacheligkeit äußert, weil sie weder den Mut noch die Freiheit hat, sie offen zu zeigen. Sie ist aggressiv und bindet den Kleinen Prinzen gleichzeitig an sich, indem sie viele unnötige Dienste von ihm fordert. Beide fühlen sich voneinander angesprochen, können sich aber noch nicht wahrhaftig begegnen.

Symbolisch ist es eine Anspielung auf die Liebe zwischen Mann und Frau. Durch Carl Gustav Jung wissen wir, daß in jedem Menschen ein weibliches und ein männliches Element steckt: animus und anima, die einander suchen und finden und zur Aussöhnung gebracht werden müssen. Bezogen auf „Das Hohelied“ im Alten Testament und dessen christliche Auslegung, zeigt sich hier die Geschichte unserer Seele und unserer Freundschaft mit Christus.

Die Dichter haben von jeher die Blume als Symbol für die Frau verwendet. Der Kleine Prinz hat die Blumen, sprich die Frauen, die es schon immer in seiner Umgebung gab, kaum beachtet. Sie kamen und sie verwelkten, ohne einen nachhaltigen Eindruck in ihm zu hinterlassen. Eines Tages taucht ein neuer Sprößling auf seinem Planeten auf. Er reißt den unbekannten Trieb nicht aus wie bei den Affenbrotbäumen, sondern überwacht ihn sorgfältig. Diese Wachsamkeit könnte eine vertrauenswürdige, von Freundschaft, Bereitschaft, Hoffnung und Erwartung geprägte Haltung in ihm aufkeimen lassen. Die Blume geht zugleich mit der Sonne auf. Damit gewinnt der Sonnenaufgang im Leben des Kleinen Prinzen zum ersten Mal an Bedeutung. Es ist so etwas wie ein in seinem Innern neu anbrechender Tag, den es zu bewahren und zu beschützen gilt.