15. Sonntag im Jahreskreis C (14.7.2019) Barmherziger Samariter

Schriftstellen:
Erste Lesung: Dan 30,10-14
Zweite Lesung: Kol 1,15-20
Evangelium: Lk 10,25-37

Nächstenliebe ist etwas, wodurch sich Christen auszeichnen: „Seht, wie sie einander lieben!“ Mit diesen Worten beschreibt der antike Schriftsteller Tertullian (160-220) den Zusammenhalt der ersten Christen, obwohl dieser mehr Ideal als Wirklichkeit war.

Auch unter Christen scheint zu gelten: „Homo homini lupus est – Der Mensch ist für den Menschen ein Wolf.“ (Titus Maccius Plautus um 254–184 v.Chr.G) In bezug auf den Priesterblock im KZ Dachau formulierte der französische Priester Jean Kammerer (1918-2013): „Sacerdos sacerdoti lupissimus – Der Priester ist für den Priester der schlimmste Wolf.“

Für den Gesetzeslehrer stellt sich die Frage: „Wer ist mein Nächster?“ Übertragen auf unsere heutige Zeit bedeutet das: „Wie weit muß ich gehen? Wie groß ist der Kreis? Vielleicht wie im Kölner Klüngel: ,Wir kennen uns, wir helfen uns!’? Wie verhält es sich mit dem, den ich nicht kenne?“

Da Jesus als Beispiel einen Samariter, einen Feind der Juden, wählt, will er uns vermutlich sagen: „Du mußt den Kreis so weit ziehen, daß auch deine Feinde dazugehören. Jeder ist dein Nächster. Es gibt keine Grenzen.“

Dabei ist zu bedenken, daß Nächstenliebe aus der Ferne leichter funktioniert. Das weit entfernt wohnende Kind ist oft beliebter als das mit in der Wohnung der Eltern lebende, das vielleicht sogar noch deren Pflege auf sich nimmt. „Willst du gelten, mach’ dich selten!“

In bezug auf unsere eigene Nächstenliebe stehen wir im Mittelpunkt des Kreises und bestimmen, wie groß der Radius ist. Nachdem Jesus die Geschichte erzählt hat, fragt er: „Wer ist demjenigen Nächster geworden, der unter die Räuber gefallen ist?“ Im Mittelpunkt steht nun der Hilfsbedürftige.

Die Wahrheit, die Jesus ausspricht, heißt modern: „Sozialer Brennpunkt, wer am Rande lebt, steht in der Mitte!“

Viele Predigtvorlagen malen aus, wie die Gleichnisgeschichte heute aussehen könnte: Neues Auto – Verunglückter, der blutet – ich nehme ihn auf die neuen Sitze – fahre ihn zum Krankenhaus und kümmere mich auch weiter um ihn.

Das klingt alles sehr nobel, übersieht aber das Zentrum der Aussage: Vom anderen her sehen, urteilen und handeln. Sich in den anderen hineinversetzen. Es ist die Umkehrung der Aussage: „Was du nicht willst, das man dir tut ...“

Im Extrem heißt das: „Wenn du mich liebtest, wüßtest du, was mir fehlt.“ Aber: „Heimliche Wünsche werden unheimlich selten erfüllt.“

Wer ist dem Hilfsbedürftigen Nächster geworden? „Geht hin und tut desgleichen!“