20.8.2020

20. Der Laternenanzünder (Kapitel XIV)

Der fünfte Planet ist sehr klein. Es gibt dort kein Haus und keine Bewohner, sondern nur eine Straßenlaterne und einen Laternenanzünder. Da der Planet sich seit geraumer Zeit immer schneller dreht, wobei Tag und Nacht sich ebenso schnell abwechseln, muß der Laternenanzünder die Laterne jede Minute anzünden und wieder auslöschen. Er verkörpert Eile und Hast, ist ein Traditionalist und Funktionalist, ewig bestrebt, Lichter anzuzünden und sie sofort wieder auszulöschen aus Gewohnheit und als Auftrag.

Er tut seine Pflicht und fragt nicht nach dem Warum. Er ist äußerst pflichtbewußt und gehorsam, ein trauriger Fanatiker der Pflicht, der das Opfer vergißt und sich verschleißt. In seiner immer schneller rotierenden Welt lebt er nach längst verstaubten Vorstellungen von Pflicht und Ordnung, die dem Gang der Welt nicht mehr entsprechen. Für ihn gilt einzig und allein nach wie vor die ehemals erteilte „Weisung“. Er kann sich deren Folgen nicht entziehen, zeigt dabei aber eine gewisse Nützlichkeit.

Wenn er seine Laterne anzündet, ist es, als erwecke er einen Stern oder als gebäre er einen Stern mehr oder eine Blume. Wenn er seine Laterne auslöscht, schläfert er die Blume oder den Stern ein. Der Kleine Prinz macht ihm einige Vorschläge, wie er aus dem Dilemma der Weisung herauskommen könnte, aber alle möglichen Auswege lehnt er ab. Die Pflicht mag noch so absurd sein, sie findet dennoch ihre Rechtfertigung im Sich-selbst-vergessen zugunsten eines tieferen Sinnes, obwohl absolute Treue und Gehorsam gegenüber der gesetzten Norm den Horizont und den Lebensraum des Laternenanzünders verengen.

Wenn der Kleine Prinz ihn auch nicht überzeugen kann, zur Ruhe zu kommen, ist er ihm im Gegensatz zu den anderen Planetenbewohnern, die er kennengelernt hat, sehr zugetan; denn er sagt sich: „Dabei ist er der einzige, den ich nicht lächerlich finde. Das kommt vielleicht daher, weil er sich mit anderen Dingen beschäftigt statt mit sich selbst. [...] Der ist der einzige, den ich zu meinem Freund hätte machen können. Aber sein Planet ist wirklich zu klein. Es ist nicht Platz für zwei ...“

Auch unser Leben hat sich in den letzten Jahren rasend schnell verändert. Was geschieht, wenn die Strukturen und die gesellschaftlichen Verhältnisse sich nicht ebenfalls ändern, wenn Weisungen, Normen und Gesetze dem Wandel nicht angepaßt werden? Das sind eminent wichtige Fragen, vor allem auch für die Kirche.