21.8.2020

21. Der Geograph (Kapitel XV)

Der Kleine Prinz trifft gegen Ende seiner Reise auf den Geographen, der alles Verfestigte und Haltbare registriert und katalogisiert. Für den Geographen hat nur Bedeutung, was aus Materie besteht.

Er kennt das Leben nur aus der Studierstube und erntet, was andere gefunden haben. Er teilt weder das Abenteuer noch den Wagemut der Entdecker, noch weiß er, was die Dinge bedeuten, die diese nicht selten um den Preis ihres Lebens entdecken.

Realisiert der Geograph nicht dennoch eine perfekte Form des idealen Menschen? Zunächst sieht der Kleine Prinz dies so; denn auf seine Frage: „Was ist das, ein Geograph?“, erfährt er: „Das ist ein Gelehrter, der weiß, wo sich die Meere, die Ströme, die Städte, die Berge und die Wüsten befinden“, und der Kleine Prinz antwortet: „Das ist sehr interessant, [... endlich] ein richtiger Beruf!“ Doch das ist nur eine Illusion von kurzer Dauer. In Wirklichkeit interessiert sich der Geograph überhaupt nicht für die Planeten, so wie sie sind, sondern fertigt nach seinen abstrakten Vorstellungen Karten für wissenschaftliche Abhandlungen. Das Objekt seines Studiums ist nur ein Vorwand. Er unterhält nur Beziehungen zu sich selbst, ein „Businessman“ besonderer Art.

Als der kleine Prinz erfährt, daß den Geographen Blumen nicht interessieren, weil sie vergänglich sind, verliert er jegliches Interesse an ihm. Er erinnert sich wieder an seine Blume. Sie betont seine Erlebnisfähigkeit im Gegensatz zu den Funktionen des angeblichen Wissenschaftlers. Der Gelehrte vertritt die Denkfunktion, der Kleine Prinz im Zusammenhang mit seiner Rose die Gefühlsfunktion. Bewußtseinsenge kann durch Wissenschaft und Forschung ausgeweitet werden, findet aber keinerlei Zugang zur Gefühlswelt.

Das Denken bedarf der Fundierung durch den Realitätsbezug, es richtet sich auf ewige, unvergängliche Wahrheiten und Wesenheiten. Es geht um die Integration von Denken und Fühlen. So heißt es am Ende von Kapitel XV: „Meine Blume ist vergänglich, sagte sich der Kleine Prinz, und sie hat nur vier Dornen, um sich gegen die Welt zu wehren! Und ich habe sie ganz allein zuhause zurückgelassen! Das war seine erste Regung von Reue.“

Auf Anregung des Geographen machte er sich auf den Weg zum Planeten Erde, der „einen guten Ruf“ hat, und dachte dabei an seine Rose.