22. Sonntag im Jahreskreis C – Einladung zum Festessen (1.9.2019)

Schriftstellen:
Erste Lesung: Sir 3,17-18.20.28-29
Zweite Lesung: Hebr 18-19.22-24a
Evangelium: Lk 14,1.7-14

„Wo ist mein Platz?“
Kann ich ihn mir aussuchen, oder wird er mir zugewiesen?

Das Sonntagsevangelium, das sich nachzulesen lohnt, schildert das Problem sehr anschaulich.

Haben Sie auch schon einmal Ihren Platz gesucht, wenn bei einer feierlichen Veranstaltung Tischkarten aufgestellt waren? Da kann es vorkommen, daß man am falschen Tisch sucht und entweder höher hinauf darf oder weiter ans Ende muß.

Dieses Verhalten fällt weniger auf, wenn ein Plan mit der Anordnung der Tische ausliegt. So läßt sich höchstens an der Augenbewegung erkennen, ob man sich oben oder unten sucht. Mit dieser Orientierungshilfe kann man dann zielstrebig den richtigen Tisch mit dem vorgesehenen Platz ansteuern.

„Wo ist mein Platz?“
Diese Frage hat vermutlich auch die Gäste des Pharisäers bewegt; denn Tischkarten waren wohl kaum aufgestellt. Manche dachten sich: „Ich bin sehr wichtig, ich muß ganz oben sitzen.“

„Wo ist mein Platz?“
Diese Frage war zu meiner Studienzeit im Collegium Borromaeum so geregelt, daß wir Studenten sowohl in der Kirche als auch im Speisesaal entsprechend unserem Nachnamen alphabetisch geordnet unseren Platz hatten. Auch unsere Zimmer waren uns meist nach dem Alphabet zugeteilt.

In der Kirche gilt die Präzedenz nach Rang und Weihealter, eine gute Hilfe; denn so weiß jeder, wo er hingehört.

Bei öffentlichen Empfängen gibt es das Protokoll.

„Wo ist mein Platz?“
Eigentlich ist die Antwort ganz einfach: Dort, wo Gott mich hingestellt hat. Aber wo ist das? Eines unserer Grundbedürfnisse ist das Verlangen nach Ansehen, Anerkennung, einem bekannten Namen, einem guten Platz, kurzum: Wir sehnen uns nach Liebe.

Unser Geltungsbedürfnis ist zunächst einmal wertneutral. Wir können es nicht abschaffen, aber es kann ausufern, ebenso wie das Verlangen nach Besitz und Geschlechtlichkeit.

Wir sind aufgerufen zur Bescheidenheit. Sie ist schwer zu erlernen, und es gibt viele Arten von falscher Bescheidenheit, angefangen von „Nun tu doch nicht so“ bis hin zum „Fishing for compliments“.

Karrieresüchtige Menschen streben nach oben. Aber man spricht auch von einer Karriere nach unten und vom letzten Platz. Nicht selten gibt es ein erhebliches Gedränge um den letzten Platz. Das kann genauso kurios ausgehen, wie das Gedränge um den ersten Platz.

Es kommt darauf an, zu dem zu stehen, was man ist, und sich anzunehmen, wie man ist, nicht mehr und nicht weniger. Das drückt sich auch in der körperlichen Haltung aus: Es gibt denjenigen, der die Nase hoch trägt, aber auch denjenigen mit der buckeligen Demut.

Das Volk wollte Johannes den ersten Platz des Messias zuweisen. Wie ihn hatten sie sich den Messias vorgestellt. Johannes aber weiß, daß das nicht sein Platz ist; denn er formuliert: „Er muß wachsen, ich aber abnehmen.“ Johannes nimmt seinen Platz ein.

Vor Gott dürfen wir stehen, wie wir sind, und das an unserem Platz. So wie Johannes an seinem Platz gestanden hat, wenn es ihn auch den Kopf gekostet hat.