27. Sonntag im Jahreskreis C – Das Böse (6.10.2019)

„Warum läßt du mich die Macht des Bösen erleben und siehst der Unterdrückung zu?“

Erste Lesung: Hab 1,2-3; 2,2-4
Zweite Lesung: 2 Tim1,6-8.13-14
Evangelium: Lk 17,5-10

Das Böse

Woher stammt das Böse? Diese Frage läßt sich vermutlich nie zufriedenstellend beantworten; denn es ist ein Geheimnis. Wenn nur der eine gute Gott die Welt geschaffen hat, woher kommt dann das Böse? Selbst wenn es vorwiegend durch Abspaltung und Verteufelung entsteht, wie kann Gott es dann ermöglichen oder zulassen?

Im Buch Ijob gehört der Satan mit zum Hofstaat Gottes, und Gott gibt ihm die Erlaubnis, Ijob zu prüfen (1,6-12). Ijob reagiert auf die Bewährungsprobe mit den Worten: „Nackt kam ich hervor aus dem Schoß meiner Mutter; nackt kehre ich dahin zurück. Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn.“ (1,21)

Seine Frau aber rät ihm: „Lästere Gott und stirb!“ Darauf antwortet er: „Wie eine Törin redet, so redest du. Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?“ (2,9f)

Dualistische Weltsichten berufen sich auf einen ewigen Kampf zwischen guten und bösen Mächten. Über die Entstehung des Bösen im Menschen gibt es dort verschiedene Vorstellungen. Entweder entsteht das Böse durch Unterdrücken des ursprünglich vorhandenen und angeborenen Guten, das Böse ist dann das verdrängte Gute, oder man nimmt an, der Mensch bestehe aus den drei Begierden Inzest, Kannibalismus und Mord und hält den Menschen vom Ursprung her für einen „homo necans“, einen Menschen, der tötet. Man schreibt ihm dennoch Kultur zu und erklärt das Töten zum Opferritual, um durch Gesetz und Ordnung aus geborenen Killern einen passablen Menschen zu machen. Das Gute ist dann das verdrängte Böse.

Jeder Mensch hat ein gutes und ein böses Herz. Die „gute Mutter“ und die „böse Stiefmutter“ gibt es nur im Märchen; in der Realität des Lebens gibt es leibliche Mütter, die ihre Kinder quälen und töten, und es gibt Stiefmütter, die ihre Pflegekinder fürsorglicher behandeln, als es die leibliche Mutter tun könnte.

Eine Geschichte erzählt:
Ein Torhüter wird von einem Freund am Tor besucht. Dieser schaut zu, wie er seine Aufgabe wahrnimmt. Er bekommt die Gespräche mit, die der Torhüter mit den Besuchern der Stadt führt. Der erste Gast sagt: „Bei mir zu Hause sind die Menschen böse.“ Der Torhüter antwortet: „Hier sind sie es auch.“ Dann kommt ein zweiter Gast und sagt: „Bei mir zu Hause sind die Menschen gut.“ Der Torhüter antwortet: „Hier sind sie es auch.“ Da fragt ihn der Freund: „Wie kannst du verschiedene Antworten geben über deine Landsleute?“ Der Torhüter antwortet: „Sie sind beides!“

Zu einem Getreidefeld gehören Weizen und Unkraut, wobei „Unkraut“ schon eine abwertende Bezeichnung für das ist, was wir auch „Wildkraut“ oder „Beikraut“ nennen. Jeder Pflanze ist zum Wachsen als Notwendigkeit ein Beikraut beigegeben, und das eine kann nicht gedeihen ohne das andere. Erst wenn das Beikraut verteufelt wird, wird es zum Unkraut und soll dann vernichtet werden.

Heutzutage hilft da ein Unkrautvernichtungsmittel, aber die Langzeitwirkung ist schädlich. Am Ende hat der Boden so viel Gift gesammelt, daß nichts mehr gedeihen kann. Vielleicht aber sind die Unkräuter nur Pflanzen, deren Nutzwert zum Beispiel als Heilpflanze nicht erkannt ist.

Jesus hat diese Wahrheit angesprochen im Gleichnis „Vom Unkraut unter dem Weizen“ (Mt 13,24-30). Er sagt: „Der Vater im Himmel läßt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Mt 5,45)

Am Ende der Bergpredigt (Mt 5ff) heißt es immer wieder: „Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: ...Ich aber sage euch.“ Vermutlich kannten die Menschen früher vorwiegend nur schwarz oder weiß, ohne einen Mittelweg zu sehen. Jesus aber erwartet von seinen Jüngern, daß sie ihre Feinde lieben (vgl. Mt 5,43).

Die beste Art, einen Feind in einen Freund zu verwandeln, besteht darin, ihn besser kennenzulernen.

Es ist für den Menschen wohl sehr schwer, die Gleichwertigkeit der Pole zu akzeptieren. Jedenfalls zeigt die Geschichte, daß immer wieder, wenn ein Pol aufgewertet wird, der andere abgewertet wird. In der Regel geschieht dies aus egoistischen Tendenzen, ist also der Liebe entgegengesetzt. Der abgespaltene Pol wird verteufelt, er wird buchstäblich zum Teufel. Das Wesen der Bosheit besteht darin, andere nicht gelten zu lassen.

Neben egoistischen Motiven kann auch Angst dazu führen, einen Pol abzuspalten, wenn zum Beispiel ein Mensch nur ganz rein sein will. Das absolut Reine aber gibt es auf Erden nicht. Reines H2O, also destilliertes Wasser, kann sogar tödlich sein. Steriles kann nicht nur schön sein; denn das Schöne ist als Synthese von Ordnung und Verfall Ordnung und Chaos zugleich.

Normalerweise sieht man Gut und Böse als eine Polarität an, aber Gut und Böse sind ebensowenig entgegengesetzte Pole wie Sein und Nichtsein. Vielmehr hat das Böse in sich zwei Arten beziehungsweise Richtungen. Diese Erscheinungen stehen als Extreme in Spannung zueinander. Zwischen diesen Extremen liegt in der Mitte das Gute.

Es handelt sich bei Gut und Böse also nicht um eine Zweiheit, sondern um eine Dreiheit. Das Böse selbst ist schon eine Zweiheit, die in „Rechts“ und „Links“ gespalten ist. So gibt es auch von jeder Tugend zwei Untugenden, die aus einem Zuviel oder einem Zuwenig bestehen. Zum Beispiel ist die Hoffnung ausgerichtet auf eine Erfüllung in der Zukunft. Ein hoffnungsloser Mensch wird entweder von einer vorausgenommenen Nichterfüllung bestimmt, das ist Verzweiflung, oder aber von der vorausgenommenen Erfüllung, das ist Hochmut und Vermessenheit. Daher ist das Ende des Judas Verzweiflung (vgl. Mt 27,3-10; Apg 1,15-20) und das Verhalten der Juden Hochmut, wenn sie auf die Nachkommenschaft von Abraham pochen (vgl. Mt 3,9; Lk 3,8 „Gott kann aus diesen Steinen Kinder Abrahams machen.“).

Das Gleichgewicht wird aufgegeben, wenn jemand nur das Eine will. Das gilt auch für das Verhältnis von Gut und Böse. Wer nur das Gute will und tut, vermehrt gleichzeitig, obwohl und gerade darum, weil er es nicht will, das Böse. Dieses gilt auch umgekehrt.

Mephisto in Goethes Faust formuliert: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft.“

Der größte Sieg im Kampf gegen das Böse ist die Reue darüber, die Absonderung und Abspaltung, also die Sünde begangen zu haben, und so Vergebung zu erlangen, die die Fähigkeit einschließt, das Abgespaltene wieder ins Leben einzubeziehen.