23.7.2020

3. Der Pilot Antoine de Saint-Exupéry

Antoine de Saint-Exupéry wollte Pilot werden. Das war für ihn nicht nur ein Beruf, sondern seine ganz persönliche Berufung. Als Pilot hebt er sich über das Alltägliche hinaus und wird der Erzähler des Kleinen Prinzen.

Er stürzt in der Wüste ab. Dort begegnet ihm die eigene Kindheit in der Gestalt des Kleinen Prinzen. Der Flugzeugabsturz ist ein Symbol für das „Stirb und Werde“ im menschlichen Leben und zugleich für einen Heilungsprozeß. Dafür spricht unter anderem der Ort des Geschehens, die Wüste. Auf Grund ihrer Einsamkeit und ihres Schweigens konfrontiert sie den Menschen unausweichlich mit seinem Selbst.

Jesus und viele Heilige sind in die Wüste gegangen, um zu Gott und sich selbst zu finden.

Der Kleine Prinz hilft dem Piloten, der allein war und sich an der Stufe des Todes befand, so daß dieser die Schönheit der Wüste entdeckt und sich den Menschen zuwenden kann. Durch die Begegnung mit dem Kleinen Prinzen vergißt er den jedem Menschen eigenen Egoismus und erkennt die Bedeutung des Unsichtbaren, ist fähig, sich der Glücksmomente zu erinnern und strebt nach wahrer Freundschaft. Nun gelingt es ihm sogar, sein Flugzeug zu reparieren.

Aber gibt es ihn wirklich, diesen Prinzen? Vielleicht ist er lediglich ein Traum, die Halluzination eines vom Tod bedrohten Menschen in der Wüste.

Psychologisch gesehen geht es bei dem Flug und der Panne um die Sehnsucht nach Spiritualität und den Kontakt zum Transzendenten, das wir Christen Gott nennen. Der Pilot ist an die Grenze seiner Einsamkeit gelangt, ein Erwachsener, der sich erinnert, ein Kind gewesen zu sein. Er hat noch das intuitive Verständnis des Kindes. In der Wüste findet er die einzige Person, mit der er wirklich sprechen kann, entsprechend dem Zenwort „Der Meister kommt, wenn der Schüler bereit ist".

Die Welt, die er kennt, hat ihn enttäuscht. Er sucht nichts, aber das Schicksal hat ihn in die Wüste gesetzt, und nach einem langen Marsch entdeckt er dort einen Brunnen.

Das Flugzeug steht als Symbol für all das, was der Mensch in Selbstherrlichkeit mit seinen Bewußtseinskräften geschaffen hat, womit er sozusagen sich selbst überstiegen, sich in den Himmel erhoben und seinen Horizont geweitet hat. Es ist gleichsam die moderne Version des babylonischen Turmes.

 

Antoine de Saint-Exupéry beschäftigt die Frage, wie es zu dem Absturz in der Wüste kam. Er hat diesbezüglich sehr gegensätzliche Gefühle. Im Bewußtsein ärgert es ihn, im tieferen Sinn findet er es zugleich lustig. Darin scheint sich das Vorwissen zu verbergen, daß es zu dem Absturz kommen mußte. Er könnte im Scheitern resignieren oder mit seinem Schicksal hadern. Die Offenheit für das Selbst und der Kleine Prinz führen ihn zur meditativen Versenkung. Das Schaf wird zum Medium der Kommunikation zwischen dem Bewußtsein und dem Unbewußten.