33. Sonntag im Jahreskreis C – Ehrfurcht (17.11.2019)

„Für euch, die ihr meinen Namen fürchtet!“ (Mal 3,20)

Erste Lesung: Mal 3,19-20b
Zweite Lesung: 2 Thess 3,7-12
Evangelium: Lk 21,5-19

Mit dieser Aussage der Lesung sind auch wir angesprochen. Gott kann von uns Ehrfurcht erwarten. Damit ist gemeint, daß wir ein rechtes Verhältnis von Distanz und Nähe entwickeln, eben nicht zu distanziert, aber auch nicht zu nah sind. Diese Balance ist schwer zu halten.

In der uns überschaubaren Zeit hat sich ein erheblicher Wandel vollzogen, gleich einem Pendel, das von einem Extrem ins andere schwingt. Früher war Gott eher der strenge Richter, dem die Gerechtigkeit zuzuordnen ist; heute erscheint er meistens als Wattebausch-Gott und gutmütiger alter Opa, mit dem wir kumpelhaft verkehren können.

Unser schönes deutsches Wort „Ehrfurcht“ drückt beides aus: Distanz und Nähe. Es gibt heutzutage genügend Anlässe sich zu fürchten und genügend Gründe, Angst zu haben. Dabei gerät aber selten in den Blick, wovor wir uns wirklich fürchten sollen, nämlich vor uns selbst.

Wir sehen das Furchterregende bei anderen. Wozu aber sind wir selbst fähig, wenn wir in eine bestimmte Situation geraten?

Es gibt das Grimmsche Märchen von „einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“; denn er war ohne Furcht und damit anders als die anderen. Aber nichts läßt ihn sich fürchten.

Eine Abweichung vom Grimmschen Märchen lautet: Er kann sich den Kopf abschlagen lassen und durch eine Salbe wieder aufsetzen lassen. Nichts macht ihn fürchten. Einmal aber bekommt er den Kopf verkehrt aufgesetzt und dann ist es passiert: Aber was?

Dazu gibt die Märchenforschung folgende Erklärungen:
1. Er sieht, daß er Verdauung hat und somit vergänglich ist, und er fürchtet sich; letztlich vor dem Sterben und Vergehen. Das ist auch unsere Angst vor dem Sterben.
2. Er sieht seine Rückseite und fürchtet sich sehr. Warum? Er sieht seine Fehler; sonst sah er nur die Fehler der anderen; denn laut einer Fabel hat Gott dem Menschen bei der Erschaffung zwei Rucksäcke aufgebunden: Vorne einen mit den Fehlern der anderen, hinten den mit den eigenen Fehlern. Diesen sieht nun derjenige, der sich vor nichts fürchtet. Jesus vermittelt uns dies im Gleichnis vom Splitter und Balken im Auge (Lk 6,39-42)

Wozu bin ich alles fähig? „Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur viel zu selten dazu“, sagt Ödön von Horváth (1901-1938). Es gibt Tugendhaftigkeit aus Mangel an Gelegenheit. Mancher ist schon durch falschen Umgang böse geworden.

Könnte es sein, daß diejenigen, die Gott fürchten, nicht im gleichen Maße mit ihren Tiefen und Abgründen konfrontiert werden? Oder besser damit umgehen können? Ihnen anders begegnen können?

„Es gibt nichts, was ich nicht auch tun könnte“, haben große Heilige gesagt. „Es gibt nichts, was ich in Gedanken nicht schon getan habe“, soll Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) formuliert haben. Wem verdanke ich, daß ich es nicht getan habe?

„Für euch, die ihr meinen Namen fürchtet!“ (Mal 3,20)

Gott hilft mir, mich mit meinen Schattenseiten anzunehmen. Vielleicht muß ich gar nicht um alle wissen.

Es gibt die Legende von einem verhüllten Götterbild. Niemand darf den Schleier entfernen. Noch nie hat jemand dahinter geschaut. Ein Jüngling, so wird berichtet, ließ sich im Tempel einsperren. Am Morgen fand man ihn tot vor dem Götterbild. Was hatte er gesehen? Sich selbst, seine volle Lebenswahrheit im Spiegel.

Zum Ende des Kirchenjahres denken wir an die Wiederkunft des Herrn, an das Weltgericht und das Ende der Welt, aber auch an unseren eigenen Tod. Wir dürfen darauf vertrauen, daß Gott an uns vollendet, was wir nicht geschafft haben!

„Für euch, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen, und ihre Flügel bringen Heilung.“ (Mal 3,20)

Wir dürfen dazu stehen, daß unser Leben Fragment ist, wie eine Scherbe, die Gott zu einer schönen Vase zusammenfügt. Das mag uns Vertrauen und Zuversicht geben.