5.6.2020

Brot für den Tag 72

Wenn jedoch der Messias kommt, weiß niemand, woher er stammt (Joh 7,27)

Dienstag 28.7.1998

Was wir zu gut kennen, verliert sein Geheimnis. Deswegen gilt auch kein Prophet in seiner Heimatstadt (vgl. M­k 6,4). Im Theologiestudium habe ich viel über Gott gelernt. Aber es besteht die Gefahr, daß dieses Wissen in vielen Büchern eingesperrt bleibt, und mich hindert, in Gott das große Geheimnis zu erkennen.

Gott hat seinen Sohn als Messias gesandt, damit wir Gott besser kennenlernen. Aber das ist ein lebenslanger Pro­zeß. Schon bei einem Menschen, den wir lieben und zu kennen glauben, entdecken wir immer neue Seiten. Erst recht müßte es bei Gott und seiner Welt so sein.

Viele Menschen glauben zu wissen, wie es im Himmel ist und was uns da erwartet. Ich lebe von der Hoffnung auf den Himmel, aber ich habe mir abgewöhnt, mir vorzustel­len, wie es da sein wird. Meine Hoffnung richtet sich nicht auf den Himmel, wie auf schönes Wetter oder auf ein rauschendes Fest. Was das ist, weiß ich. Was Gott und der Himmel ist, kann ich nicht wissen, bin aber er­füllt von der Hoffnung, daß es dort gut ist für mich und die ganze Schöpfung. Die Sehnsucht der ganzen Schöpfung (vgl. Röm 8,22-25) wird sich erfüllen. Ich sehne mich danach, erlöst zu werden vom Ausgespanntsein zwi­schen den Polen. Ich hoffe, vom täglichen Kreuz befreit zu werden, dem Ausgespanntsein zwischen oben und unten, rechts und links. Es wird eine echte Entspannung sein, wenn Gott die Welt heimholt und er „alles in allem ist“ (vgl. 1. Kor 15,28). Es ist spannend, in der Spannung zu leben und die Entspannung zu erwarten.

Gebet:
Gott, du bist das unaussprechliche Geheimnis. Erfülle mich mit der Hoffnung auf die Erfüllung meiner Sehnsucht durch dich.