Am 24. Dezember gedenkt die Kirche der ersten Menschen Adam und Eva

 

Für den Jahresband der Gesellschaft Arzt und Seelsorger habe ich 1987 den Artikel „,Es ist nicht gut, daß der Mensch alleine bleibt.’ – Die Versuchung zum Gottsein“ geschrieben.

 

208

 

Das ewige Versprechen

 

„Die Frau ist ein Versprechen, das nicht gehalten werden kann“ (Paul Claudel 1868-1955)

„Je suis la promesse qui ne peut être tenue et ma grâce consiste en cela même – Ich bin das Verspre­chen, das nicht gehalten werden kann, und eben darin besteht meine Gnade“, so formuliert es Lâla in Paul Claudels Drama „La Ville – Die Stadt“. Dieser Gedanke taucht in verschiedenen seiner Werke auf, und nirgends gibt es bei Paul Claudel die Darstellung einer glücklichen Ehe. Viele junge Menschen sehnen sich auch heute noch danach. Ist diese Sehnsucht erfüllt, stellen sich aber nach einer gewissen Zeit manche von ihren Erwartungen Enttäuschte die Frage: „Ist das alles?“

Wie paßt das zur Aussage Gottes „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein ist“ und zur Erschaffung der Eva als Gefährtin für Adam? Für den religiösen Dramatiker Paul Claudel ist die Ehe vor allem Kreuz. Hinter jeder Ehe sollte aber das stehen, was wir Liebe nennen. Doch auch die innigste Vereinigung macht vor Schranken halt; denn jeder hat seine eigene Persönlichkeit.

Es ist die Würde des Menschen, ein „Ich“ zu sein. Aber darin liegt auch seine Enge. Selbst die glücklichste Verbindung birgt die Unmöglichkeit letzter Erfüllung, weil der Mensch zu klein ist, weil das „Ich“ nicht gleich „Du“ ist.

Bei Paul Claudel klingt immer wieder der Gedanke an, daß in jedem Menschen unbewußt oder sogar bewußt die Sehnsucht nach dem Ewigen und Absoluten lebt, ein Gedanke, dem auch ich in meinem Buch „Sehnsucht, aber wonach“ nachgegangen bin. In Paul Claudels Weltspiel „Der Seidene Schuh“ steht diese Wahrheit im Mittelpunkt. Weder die Frau kann für den Mann das sein, was er sich ersehnt, noch der Mann für sie, weil keiner von beiden das absolute Wesen ist, das allein die Erfüllung des Menschen, des Mannes und der Frau, darstellt. In der Liebesbeziehung sollte man erkennen, daß hinter dem geliebten Gegenüber der Stern dessen eigener Persönlichkeit füreinander leuchtet und Gott hinter allem steht. So heißt der jeweils alles erschließende Satz im Drama „Die Stadt": „..., aber die Gnade liegt gerade darin“, und im „Seidenen Schuh“: „Nur Gott erfüllt.“

Die körperliche Nähe gibt den Liebenden nur die Illusion des Einsseins; denn genau dieser Körper macht das völlige Einssein unmöglich und verhindert gerade die in der Hingabe gesuchte Aufhebung der Zweiheit, obwohl es für einen kurzen Augenblick den Eindruck der Erfüllung erweckt.

Das eigentliche Ziel des menschlichen Sehnens liegt in dem allein absoluten Gott. Es geht um das Aufgehen im ALL-EINEN. Laut Paul Claudel ist es Aufgabe der Frau, mitzuwirken an der Heimholung des Menschen zu Gott. Dementsprechend formuliert Donna Proeza im „Seidenen Schuh“: „Weil ich ihm [meinem Geliebten Don Rodrigo] nicht den Himmel zu geben vermag, so kann ich ihn doch wenigstens der Erde entreißen.“ Insofern ist eine Liebesbeziehung für Paul Claudel nicht nur Kreuz, sondern hat auch etwas ungemein Positives.

Wie oft sagen Liebende zueinander: „Ohne Dich kann ich nicht leben!“ Aber jedes menschliche Du ist nur ein Hinweis auf das letzte göttliche Du, in dem die dialogische Existenz des Menschen ihre Erfüllung findet.

Siehe auch „Liebe und Tod sind geheimnisvoll aufeinander bezogen".