7.9.2020

33. Antoine de Saint-Exupérys Tod

Luftwaffenbasis Borgo

Flugzeugtyp P-38, mit dem Antoine de Saint-Exupéry am 31. Juli 1944 zu seinem letzten Flug startete

Antoine de Saint-Exupéry startete im Rang eines Majors am 31. Juli 1944 gegen 8.45 Uhr vom nördlich des heutigen korsischen Flughafens Bastia-Poretta gelegenen Flugplatz Borgo aus (damals eine amerikanische Luftwaffenbasis) mit einer amerikanischen P-38 Lightning (Blitz) bei wolkenlosem Himmel über dem Mittelmeer zu einem Aufklärungsflug, um hinsichtlich der bevorstehenden Landung der Alliierten in Südfrankreich Fotos von der Gegend um Grenoble zu machen. Er hatte sich bereits zu Beginn des Zweiten Weltkrieges freiwillig zur Front gemeldet, aber, um unbewaffnet zu fliegen, darauf bestanden, einer Aufklärungsstaffel zugeteilt zu werden. Nach der Landung der Alliierten 1942 in Nordafrika schloß er sich der mit diesen kooperierenden Befreiungsarmee von General Charles de Gaulle (1890-1970) an. Auch an Bord seiner Lightning während seines letzten Einsatzes gab es keine Waffen, sondern sie war mit sechs Kameras bestückt. Er flog die Maschine mit einer Sondererlaubnis; denn mit 44 Jahren war er an sich schon zu alt, um noch aktiv zu fliegen. Seine Kameraden nannten ihn einen Bruchpiloten. Er wollte immer die schnellsten Maschinen fliegen, war dabei aber oft so gedankenverloren, daß er hier und da vergaß, das Landegestell auszuklappen.

Am Tag vor dem Absturz der Lightning hatte er seinem Freund Pierre Dalloz (1900-1992) geschrieben: „Falls ich abgeschossen werde, bedauere ich es absolut nicht. Der künftige Termitenhügel versetzt mich in Angst und Schrecken. Und ich hasse ihre Robotertugend. Ich war zum Gärtner geschaffen.“

In seinem im Juli 1943 geschriebenen und am 10. April 1948 in der Zeitschrift Le Figaro Littéraire veröffentlichten Brief an den General „X“ (Lettre au général «X») heißt es unter anderem:
,,Ich hasse meine Epoche mit all meiner Kraft. Der Mensch stirbt in ihr vor Durst. [...] Es gibt nur ein Problem. Den Menschen ihre Spiritualität wiederzugeben. [...] Es gibt nur noch die Stimme des Propagandaroboters. Zwei Milliarden Menschen hören nur noch auf den Roboter, verstehen nur noch den Roboter, machen sich selbst zu Robotern. [...] Der Robotermensch, der Termitenmensch, der Mensch, der von der Fließbandarbeit hin und her schwankt. [...] Es ist mir ziemlich gleichgültig, wenn ich im Krieg getötet werde. Was wird bleiben von dem, was ich geliebt habe?“

Mehr als 70 Jahre boten die nach und nach aufgeklärten Vermutungen über den genauen Ort von Antoine de Saint-Exupérys Absturz am 31. Juli 1944 Stoff für zahlreiche Legenden. Nicht selten glichen sie einer Mystifizierung. Endgültig ließen sich die genauen Umstände seines Todes noch immer nicht klären, auch einen Suizid schließt man nicht aus.

Vielleicht hatte er sogar eine Vorahnung seines Todes. Er weinte, als er einige Tage vor dem 31. Juli 1944 Verfügungen traf und einem Kameraden das Manuskript seines geistigen Vermächtnisses „Die Stadt in der Wüste (Citadelle)“ übergab. Auf der letzten Seite dieses posthum erschienenen Romans heißt es:
„Herr, so ist es auch mit meinem vielgeliebten Feind, den ich erst jenseits meiner selbst wiederfinden werde. Und für den dasselbe gilt, da er mir gleicht. Ich übe daher Gerechtigkeit entsprechend meiner Weisheit. Und er übt Gerechtigkeit entsprechend seiner Weisheit. Beide scheinen einander zu widerstreiten, und wenn sie sich die Stirn bieten, nähren sie unsere Kriege. Doch er und ich, wir folgen auf entgegengesetzten Wegen mit unseren tastenden Händen den Kraftlinien des gleichen Feuers. In Dir allein, Herr, finden sie sich zusammen.“

Im Herbst 1998 fand ein Fischer ein silbernes Armband mit der Gravur von Antoine de Saint-Exupérys Namen, dem seiner Frau Consuelo und den Namen sowie der Adresse seiner New Yorker Verleger Reynal & Hitchkock. Man bezweifelt jedoch, daß es dem berühmten Autor gehört hat; denn weder Zeitgenossen erinnern sich an ein solches Armband noch ist auf Photographien auch nur irgendetwas davon zu ahnen.

Der Fund des Armbandes animierte den Archäologen, Taucher und Photographen Luc Vanrell (* 1959), weiter nach dem Flugzeug des Piloten zu suchen. Im Frühjahr 2000 photographierte er vor Marseille im Meer gefundene Wrackteile einer P-38 und meldete den Fund. Es handelte sich um eine amerikanische Lightning und auch die nach Hebung der Wrackteile gesichtete Seriennummer stimmte mit dem Flugzeug von Antoine de Saint-Exupéry überein.

Einer von zwei an der vermuteten Absturzstelle gehobenen Motoren stellte sich nach akribischen Untersuchungen als einem deutschen Jagdflugzeug zugehörig heraus.

Das unermüdliche Nachforschen des mit Luc Vanrell befreundeten Tauchers und Unterwasserarchäologen Lino von Gartzen (*1979) führte 2008 letztlich auf die Spur des ehemaligen deutschen Jagdfliegers Horst Rippert (1922-2013). Dieser ist überzeugt, Antoine de Saint-Exupéry abgeschossen zu haben.

Unter dem Titel „In die Geschichte abgetaucht“ schildert Lino von Gartzen in der F.A.Z. vom 18. März 2008 ausführlich die „Lösung“ des Rätsels um Antoine de Saint-Exupéry.

Am Ende des Artikels stellt er fest: „Es fehlen offizielle Dokumente, die Ripperts Aussage bestätigen. Daher bleiben unsere Ergebnisse aus wissenschaftlicher Sicht eine Hypothese. Aber die Daten der Untersuchung des Wracks und die Aussagen Ripperts bestätigen wichtige Informationen wie Ort, Zeitpunkt, Flugzeugtyp, Flugverhalten. Alle Indizien sprechen dafür, dass es so gewesen ist.“

Diese Aussage bestätigt er in einem ebenfalls am 18. März 2008 unter dem Titel „Rippert sagt die Wahrheit“ in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Interview mit der Antwort auf die Frage nach der Authentizität von Ripperts Aussage: „Aus unserer Sicht ist es nahezu unmöglich, dass jemand etwas derart detailreich erzählt und dabei auch Elemente nennt, die keineswegs typisch gewesen wären für diese Situation, ohne es selber gewesen zu sein. Das heißt: Alle Fakten, die wir haben, stimmen genau mit den Aussagen von Rippert überein. Nach eineinhalbjähriger Prüfung waren wir da sicher.“

Auch in der Sendung „Bitte zeichne mir ein Schaf – Die Lange Nacht über Antoine de Saint-Exupéry“ im Deutschlandradio anläßlich des 70. und des 75. Jahrestages (Wiederholung) des Absturzes kommt Lino von Gartzen ausführlich zu Wort.

In einem Video des französischen Fernsehsenders „franceinfo“ ist der Ausschnitt eines Originalbriefes von Horst Rippert vom 22. Dezember 2006 genannt und zu sehen. Darin heißt es:
[...] Hiermit bestätige ich, daß ich am 31.07.44 in der Nähe von Marseille am späten Vormittag eine Lightning P-38 abgeschossen habe. Flugrichtung: Toulon dann Marseille. Die P-38 flog im Augenblick, als ich sie abgeschossen habe, niedriger, sie flog in Richtung Küste.
Hochachtungsvoll
Horst Rippert

Der Kommentar des Kurzvideos endet mit dem Satz:
„Dieser Soldat bekannte, er habe nicht gewußt, daß er als Zielscheibe Saint-Exupéry genommen habe, einen Autor, der in ihm die Lust zu fliegen entzündet habe.“

Anläßlich des 45. Todestages von Antoine de Saint-Exupéry hat die Banque de France ihm zur Ehre 1999 einen in Blautönen gehaltenen 50-Francs-Schein mit seinem Porträt, einem Doppeldecker und dem Kleinen Prinzen gedruckt. Auch die von den „großen Leuten“ immer als Hut verstandene Zeichnung der „Riesenschlange, die einen Elefanten verdaut“, ist nicht vergessen. Es handelt sich um die letzte 50-Francs-Banknote vor Einführung des Euro.

 

 

 

 

 

 

 

 

Flughafen Lyon-Saint-Exupéry
Quelle des Fotos

Am 20. Juni 2000 wurde der Flughafen Lyon-Satolas und im Juli 2001 der im Juli 1994 in Betrieb genommenen TGV-Bahnhof-Satolas umbenannt und auf den Namen des Flugpioniers und weltberühmten Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry getauft.

TGV-Bahnhof Lyon-Saint-Exupéry
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