Anziehen – Kleider machen Leute!

Wir richten unsere Aufmerksamkeit vor allem auf unse­ren Leib, den vorläufigen Raum unseres Menschseins auf Erden. Die Äußerlichkeit unseres Lebens beginnt bei der leiblichen Haut, geht weiter über die zweite Haut, unsere Kleidung, bis hin zur dritten Haut unseres Menschseins, unsere Wohnung, der wir einwohnen und in die wir uns eingewöhnen. Wenn wir die Ganzheit von Leib, Seele und Geist akzeptieren, gibt es keine nebensächliche Äußerlichkeit gegenüber unserem Innern. Es gibt den Grundsatz: „Wie innen, so außen; wie außen, so innen.“

Gott hat den Menschen unbekleidet erschaffen, erst durch die Sünde erkennt er seine Nacktheit (vgl. Gen 3,5-7). Was dort in der Heiligen Schrift beschrieben wird, setzt einen Kulturzustand voraus, in dem der Mensch bekleidet lebt. Im Paradies bemerkten die Menschen ihre Nacktheit nicht. Nach dem Sündenfall hefteten sie „Feigenblätter zusammen und machten sich eine Schürze“ (Gen 3,7), vorher waren sie umhüllt von der Gnade und der Glorie Gottes. Gottes Fürsorge für den Menschen nach dem Sündenfall besteht darin, daß er ihnen „Röcke aus Fellen machte, und sie damit bekleidete“ (Gen 3,21). Bis heute noch gilt es als Werk der Barmherzigkeit, Nackte zu bekleiden (vgl. Mt 25,36.43). Da der Mensch sich durch den Sündenfall in seinem Sein entblößt hat, bedeckt er die Blöße seines Leibes durch das Kleid; die Verderbnis hält sich versteckt und über die Verwesung breitet sich ein Tuch; aus diesem Grund bedecken wir auch den Leichnam eines soeben Verstorbenen.

Sünde richtet sich nicht nur gegen Gott und den Nächsten, sondern auch gegen das eigene Wesen. Der Sünder kommt nicht zu sich selbst, sondern zur Selbstentfremdung im Nacktsein. Der Sündenfall macht den Menschen verwundbar, er scheut sich vor der Entblößung der eigenen Unvollkommenheit angesichts der Vollkommenheit des Schöpfergottes und reagiert mit Scham auf diese Erkenntnis.

Die Redensart „Kleider machen Leute!“ besagt, daß erst das Kleid zeigt, wer und was der Mensch ist. Beim Propheten Jesaja gilt Nacktheit als Ausdruck tiefster Schande und Armut (vgl. Jes 20,4; 47,3; Offb 3,18). Adam und Eva bedeckten sich mit Feigenblättern als Ersatz für das verlorene Kleid der Gnade. Diese Bekleidung verhüllte und enthüllte zugleich. Sie drückte zwar Ehrbarkeit und Rechtschaffenheit, aber nicht Unschuld und Gerechtigkeit aus. Das Kleid des im Paradies gefallenen Menschen ist eine Erinnerung an Verlorenes; es ist sein Standeskleid; es sind die Blätter des Feigenbaumes und die Felle der Tiere; es sind Kleider ohne Glanz. Auch der Bußtäufer Johannes bekleidet sich mit einem Mantel aus Kamelhaar (vgl. Mt 3,4), die Kutten der Mönche sind nicht aus Leinen, sondern aus Wolle, und Asketen tragen keine gefärbten Stoffe. Die heiligen Männer des Islam bekamen früher den Namen „Sufi = Wolle“,weil sie sich im Gegensatz zu ihren felltragenden Artgenossen in Wolle hüllten.

Das weiße Taufkleid nimmt Bezug auf das Kleid der Gnade. Früher legte man bei der Taufe alle anderen Hüllen ab, entblößt und nackt ließ sich der Täufling taufen und in der Entblößung durch das Sterben vollendet sich dann die Taufe, indem wir mit dem Leib der Auferstehung bekleidet werden (vgl. 1 Kor 15,44; Phil 3,21).

In der Geheimen Offenbarung gilt Nacktheit als schimpflich. Sie ist Zeichen von geistiger Unbereitschaft, wohingegen ein Sieger und Held ein weißes Kleid trägt (vgl. Offb 3,4f; 19,14). In der Kunst sehen wir die Menschen in der Hölle meist nackt dargestellt, während die Heiligen bekleidet in den Himmel einziehen. Es gibt allerdings auch gegenteilige Darstellungen, auf denen die Erwählten unbekleidet, aber von Licht umhüllt sind und die Verdammten eine Tiara, Mitra oder Krone tragen.

Unser Klima erlaubt uns nicht, dauernd unbekleidet zu leben. Wir brauchen die Kleidung, und nicht selten spielt sie eine so große Rolle, daß wir viel Geld dafür ausgeben. Mit der Kleidung stellt man etwas dar, verbindet man ein Lebensgefühl und kann zeigen, zu welcher Gruppe man gehört. Kleidung ist oft ein entscheidendes Merkmal für die erste Einschätzung und Einordnung des Gegenübers.

In Bezug auf unsere persönliche Kleidung sollten wir uns fragen: „Wer bin ich, wie will ich vor den anderen dastehen, wer muß ich für die anderen sein?“ Machen unsere Kleider aus uns Leute? Wir sind weder „nackte Affen“ (Desmond Morris *1928) noch „bekleidete Engel“ (Leendert F.C. Mees 1902-1990).

Machen unsere Kleider einen anderen oder besseren Menschen aus uns?

Siehe dazu das Märchen „Des Kaisers neue Kleider".