31.7.2019

Besetzen und Besitzen

Einen Stuhl besetzen wir, ohne ihn zu besitzen. Besitzer pochen auf ihr Recht. Aber irgendwann einmal waren sie Besetzer. Bestenfalls zogen sie in ein leeres Haus oder Gebiet ein, oft aber vertrieben sie ihre Vorgänger; hier und da nicht aus Besitzgier, sondern aus Not wegen Überbevölkerung. So ist es schon ein Unterschied, ob es um den Erwerb eines herrenlosen Gutes ging oder die Inbesitznahme des Gutes eines anderen Herren.

Sobald das Erworbene über den Gebrauch hinaus sich zum Besitz verselbständigt, muß man es binden durch Besetzthalten; man behauptet das Recht auf den Besitz, das erst aus dem Besitz begründet wird.

Die Besitzer gelten als die Starken, die Besetzer sind die Schwachen. Wenn sich die Besetzer stark machen, sind sie auf dem Weg des Verholzens. Besetzer dürften nicht zu Besitzern werden, wenn sie wirklich etwas zu sagen haben wollen.

Daher wollte Roger Schutz (1915-2005), der Gründer der Gemeinschaft von Taizé, das Kloster als Provisorium gestalten, aber er bekam eine Betonkirche; davor ließ er Zelte setzen, die den Eindruck des Fundamentierten verwischen.

Israel wollte das Problem durch ein Sabbatjahr regeln. Es geht um die Utopie, das Gesetz des Besitzens aufzuheben, das zum Besetzthalten anhält und sich ins Besitzen hineinbeißt. Besitzen sollte nicht von der Wucht fester Fundamente abhängen. Es sollte mit der Leichtigkeit geschehen, mit der ein Vogel einen Zweig besetzt. Es ist also ein Besitzen, als besäße man nicht (vgl. 1 Kor 7,30).

Bei Gütergemeinschaft wäre das folgendermaßen: Der augenblicklich Besitzende muß sich voll verantwortlich fühlen, als wäre er Besitzer, dann müßte er abgeben können und erneut Besetzer werden.

Die Prärie-Indianer betrachten ihre Heimat nicht als ihr Eigentum, vielmehr halten sie sich selbst für Besitzstücke ihres Landes. Nicht sie besitzen die heimatliche Erde, die Erde besitzt sie, sie sind Eigentum der allgemeinen Mutter. Die Sioux kennen kein Vaterland, aber ihre Mutter Erde ist ihnen so heilig, daß niemand einen Besitzanspruch geltend machen darf.

Gottes Geist macht das Schwache stark. Es braucht mehr Stärke zum Gewaltverzicht als zur Gewalttat. Die Stärke des Geistes ist der Geist des Schwachen. Der Geist ist das, was die Schwachen stärkt, schwach zu bleiben.