RONCHAMP
in Frankreich

21.9.2022

Beten kann ich auch im Wald! - Brauchen wir heilige Räume?

Man kann immer und überall beten, aber es braucht doch heilige Räume. Die ersten christlichen Gotteshäuser bildeten die dunklen unterirdischen Höhlen der Katakomben. Später, als das Christentum sich auch ans Tageslicht wagen durfte, benutzte man das Atrium des römischen Hauses als Kirche. Als die Schar der Gläubigen sich vergrößerte, begab man sich in die römische Gerichtshalle (Basilika). Ihre Anordnung eignet sich so sehr für die Zwecke des christlichen Kultus, daß sie lange Zeit maßgebend und vorbildlich für die Anlage eines katholischen Gotteshauses war.

 

Das Leben im Mittelalter war vorwiegend von Armut geprägt, insofern war das Jenseits reich an Reizen. Deshalb baute man große, prächtige Kirchen, wohingegen die Wohnungen einfach und klein waren. Heute ist das Diesseits begütert, und das Jenseits spielt keine große Rolle mehr. Während die Banken in den Himmel wachsen, versinken dazwischen die Kirchen.

Unsere Vorfahren haben keine Mühen und Kosten gescheut, um ein Gotteshaus zu bauen als Hinweis auf die Gegenwart Gottes unter den Menschen, vor allem wenn sich die Gemeinde zum Gebet versammelt.

Gott nimmt sich zurück und schafft Raum. Am Ende von Raum und Zeit holt Gott die Welt heim.

Menschen, die den Sinn für Transzendenz nicht verloren haben, schaffen Raum für das Heilige. Die Römer nannten einen einer Gottheit geweihten Raum „fanum – Tempel“. Alles, was sich davor (pro fanum – vor dem Tempel) befand, bezeichneten sie als „profanus – unheilig“.

Wenn die ganze Welt Gottes Schöpfung ist, dann gibt es keinen Unterschied mehr zwischen den beiden Bereichen, und wir können überall Gottesdienst feiern.

Wie es das Fest neben dem Alltag geben muß, so auch den heiligen nicht verzweckten Raum neben den Alltagsstädten unseres Lebens. Es ist eine Notlösung, wenn in der Diaspora der Gottesdienst in einem Wirtshaussaal gefeiert werden muß.

Wir brauchen auch Kathedralen
Eine Kathedrale ist keine Sache von Steinen und Baustil, sondern sie braucht Menschen, die den Raum beseelen. Durch die Art, wie wir uns in einem Raum verhalten, können wir eine Scheune zur Kathedrale und eine Kathedrale zur Scheune machen.

 

 

 

 

 

 

 

In Revolutionen wurden kirchliche Räume in Ställe verwandelt. Obwohl das nie ganz gelang; denn Räume haben ihr Gedächtnis. Das gilt sowohl negativ als auch positiv. Denken wir an Galgenberge, an das Strafgefängnis Berlin-Plötzensee oder das Vernichtungslager Auschwitz und an Orte, die schon vor dem Christentum dem Gebet dienten und später übernommen wurden wie zum Beispiel die Kathedrale von Chartres. Solche Orte sind gleichsam aufgeladen. Wenn wir kein Gespür dafür haben, werden sie zu reinen Museen.

Alexander Solschenizyn (1918-2008) in seinem Roman „Der Erste Kreis der Hölle“:
„Vielleicht wäre gerade jetzt für den Sowjetstaat eine gewisse Einsicht in die sittlichen Bedürfnisse des Volkes wichtiger als der Bau des Wolga-Don-Kanals oder des Angara-Staudamms.“
Aus dieser Mutmaßung entwickelte er die Idee, die marxistische Gesellschaft benötige weltliche Kathedralen mit feierlichen Riten für die großen Grundakte menschlichen Lebens. Dafür gälte es, Bedienstete zu finden, die sich, gestützt durch die Liebe und das Vertrauen des Volkes, bereit erklärten, ein makelloses, uneigennütziges und würdiges Leben zu führen.

Michail Gorbatschow (* 1931) erkannte das Bedürfnis der Menschen nach kirchlichen Kathedralen und gestattete wieder die Feier von Gottesdiensten.