1.8.2019

Binden und Entbinden

Was weiß ein Mann, der selbst ins Leben entbunden wurde, von dem Geheimnis einer Geburt und den neun Monaten davor? Wie lebensprägend sind schon die engen Beziehungen des Kindes im Mutterleib vor der Entbindung.

Solche Entbindungen sind aber nicht mit der Durchtrennung der Nabelschnur zu Ende, sondern sie gehen zeitlebens weiter bis zur großen Entbindung im Tod. Warum geben wir nicht auch den Sterbenden einen gewissen „Werderaum“, damit sie langsam und bewußt zum Tod heranreifen? Statt dessen wendet man nicht selten lebensverlängernde Maßnahmen an.

Keine Bindung ohne Entbindung. Eltern haben ihre Kinder nicht nur am Anfang zu entbinden. Es ist eine lebenslange, wechselseitige Beziehungsarbeit; denn auch die Kinder haben ihre Eltern zu entbinden, um in ihr eigenes Leben zu finden. Kinder sollten von ihren Eltern Wurzeln und Flügel bekommen.

Jede Entbindung eröffnet das Leben neu, sowohl bei der Geburt als auch beim Sterben. Wie befreiend ist es, von einer schweren Aufgabe entbunden zu werden.

Neugeborene schauen oft in die Welt, als kämen sie von einem anderen Stern und wären gerade dabei, ihre bisherige Welt zu verlassen, um in dieser neuen Welt Wurzeln zu fassen. Ähnliches zeigt sich, wenn wir einen Sterbenden begleiten. Es ist eine bewegende Phase, wenn seine Augen in die Weite schauen und er gewissermaßen noch ganz hier und doch schon unterwegs in eine jenseitige Welt ist.

Siehe auch Gedanken zu Lesefrüchten (29.4.2019) - Der Mensch im Augenblick der Geburt und des Sterbens.

Dialog der Zwillinge im Mutterleib

Die Schwester sagte zu ihrem Bruder: „Ich glaube an ein Leben nach der Geburt!“ Ihr Bruder erhob lebhaft Einspruch: „Nein, nein, das hier ist alles. Hier ist es schön dunkel und warm, und wir brauchen uns lediglich an die Nabelschnur zu halten, die uns ernährt.“
Aber das Mädchen gab nicht nach: „Es muß doch mehr als diesen dunklen Ort geben; es muß anderswo etwas geben, wo Licht ist und wo man sich frei bewegen kann.“ Aber sie konnte ihren Zwillingsbruder immer noch nicht überzeugen. Dann, nach längerem Schweigen, sagte sie zögernd: „Ich muß noch etwas sagen, aber ich fürchte, du wirst auch das nicht glauben: Ich glaube nämlich, daß wir eine Mutter haben!“
Jetzt wurde ihr kleiner Bruder wütend: „Eine Mutter, eine Mutter!“, schrie er. „Was für ein Zeug redest du denn daher? Ich habe noch nie eine Mutter gesehen, und du auch nicht. Wer hat dir diese Idee in den Kopf gesetzt? Ich habe es dir doch schon gesagt: Dieser Ort ist alles, was es gibt! Warum willst du immer noch mehr? Hier ist es doch alles in allem gar nicht so übel. Wir haben alles, was wir brauchen. Seien wir also damit zufrieden.“
Die kleine Schwester war von dieser Antwort ihres Bruders ziemlich erschlagen und wagte eine Zeitlang nichts mehr zu sagen. Aber sie konnte ihre Gedanken nicht einfach abschalten, und weil sonst niemand da war, mit dem sie hätte darüber sprechen können, sagte sie schließlich doch wieder: „Spürst du nicht ab und zu diesen Druck? Das ist doch immer wieder ganz unangenehm. Manchmal tut es richtig weh.“ – „Ja“, gab er zur Antwort, „aber was soll das schon heißen?“
Seine Schwester darauf: „Weißt du, ich glaube, daß dieses Wehtun dazu da ist, um uns auf einen anderen Ort vorzubereiten, wo es viel schöner ist als hier und wo wir unsere Mutter von Angesicht zu Angesicht sehen werden. Wird das nicht ganz aufregend sein?“
Ihr kleiner Bruder gab ihr keine Antwort mehr. Er hatte endgültig genug vom dummen Geschwätz seiner Schwester und dachte, am besten sei es, einfach nicht mehr auf sie zu achten und zu hoffen, sie würde ihn in Ruhe lassen.
(Henri J. M. Nouwen 1932-1996)

Können wir uns darauf einlassen, daß unser Leben aus Bindung und Entbindung besteht?

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
(Hermann Hesse 1877-1962)