9.5.2022

 

Braucht der Mensch Religion?

Ich bin der festen Überzeugung, daß die ersten Menschen, als sie zu Bewußtsein kamen, spürten, daß es noch etwas Höheres und Größeres als sie selbst geben müsse, etwas, was über ihr eigenes Leben hinausragt. Auf Grund dessen haben sie ihre Toten beerdigt und ihnen Beigaben mit ins Grab gegeben.

In ihrer Vorstellung existierten zahlreiche Göttinnen und Götter, bis es nach tausenden von Jahren zum Glauben an einen Gott kam.

Da die Menschen aber nicht wissen konnten, wer Gott ist, sondern ihn mit dem Herzen erfahren haben, gab es unterschiedliche Gottesvorstellungen.

Eine Botschaft der Coronaereignisse könnte sein: Vertragt euch mit allen verschiedenen Arten von Religionen; denn alle glauben an ein höheres Wesen, dessen Existenz sie nicht verstehen, sondern nur glaubend erfahren können. Solche Erfahrungen, die wir als Transzendenz bezeichnen oder auch Gott nennen, lassen sich kaum beschreiben. Jeder Gläubige macht sie auf seine Weise.

Religiöse Erfahrung bringt uns in Berührung mit einer Macht, die die Sorge nimmt, unser Dasein und Handeln selbst begründen und verstehen zu müssen.

Der Philosoph Hans-Georg Gadamer (1900-2002) hat sich intensiv mit der Kunst des Verstehens beschäftigt.

Unsere Gotteserfahrung kann im Laufe des Lebens wachsen.

Wenn wir dasselbe Buch mit 16, dann erneut mit 36 und schließlich mit 56 Jahren lesen, wird es uns unterschiedlich ansprechen. Durch unsere Lebenserfahrung ändert sich auch unsere Sicht von Gott.

Das menschliche Verstehen ist ein Geschehen, weil im Fortgang des Lebens etwas mit uns geschieht, was unseren Blick verändert.

Unsere Ohren sollen der Wahrheit dienen. Ein buddhistischer Mönch säubert sich dafür das Ohr. All unsere Sinne mögen offen sein für unsere Erfahrung von und mit Gott, bis wir im Sterben ganz und gar erfahren, daß wir in Gott leben und er in uns gegenwärtig ist.

Ja, wir brauchen Religion!