27.6.2019

Brot für den Tag 1

Wende dein Ohr mir zu, erhöre mich, Herr (Ps 86,1)

Sonntag 11.9.1988

Der Beter dieses Psalmes ist in Not. Er wünscht sich, daß Gott seine Not hört und ihm hilft (vgl. Vers 2.11.13.16f.). Er wendet sich nicht an das Auge Gottes, das doch alles sieht, sondern er wendet sich an das Ohr Gottes. Eigentlich müßte das gleich sein, denn Auge wie Ohr sind verbunden mit dem Herzen Gottes (vgl. Vers 15). Im Herzen kommt das an, was das Auge sieht und das Ohr hört. Ohne Herz bleibt vieles unsichtbar und ungehört.

Das bekannte Wort des „Kleinen Prinzen“·von Antoine de Saint-Exupéry „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!“ kann ebenso angewendet werden für die Ohren.

Und doch gibt es einen Unterschied zwischen dem Auge und dem Ohr. Dem Auge wird mehr ein Handeln zugeschrieben, wenn ich zum Beispiel „ein Auge auf etwas werfe“. Das Ohr ist mehr das Empfangende und das Aufnehmende, „ich öffne mein Ohr und halte es dir hin“. Welche Hilfe kann es sein, ein offenes Ohr zu finden! Der andere braucht nur zuzuhören, das hilft schon ein Stück weiter. Das bekannte Buch „Momo“ von Michael Ende erzählt von dem Mädchen Momo, das durch bloßes Zuhören den Menschen zu neuen Erkenntnissen verhelfen konnte, und Streitende versöhnten sich vor ihm miteinander.

Wenn das alles so ist, dann ist es für den Menschen die größte Hilfe, wenn Gott ihm zuhört und ihm verzeiht (vgl. Vers 5). Sein ganzes Glück liegt darin. Ja, darin gründet sein Heil. Freimütig dürfen wir vor Gott hintreten und ihm unsere Not klagen. Er wendet uns sein Ohr zu und erhört uns.

Gebet:
Heiliger Gott, du wendest dein Ohr mir zu. Wenn auch alle weghören, du hörst auf meine Klage und hilfst mir in reichem Erbarmen. Höre so auch meinen Lobpreis: Deinen Namen will ich rühmen vor allen Menschen, heute und alle Tage meines Lebens. Amen.