4.10.2019

Brot für den Tag 40

Du wirst verstummen und nicht mehr ihr Mahner sein können (Ez 3,26)

Freitag 22.10.1993

Gott gibt den Auftrag zu reden; er kann auch den Auftrag ge­ben zu schweigen. Dazu läßt er bei Ezechiel die Zunge am Gau­men kleben (vgl. Vers 26). Wenn Reden nicht mehr hilft, dann kann Schweigen eine Mahnung sein und zur Frage werden: Warum redet er nicht mehr, warum schweigt er? Die symbolische Handlung des Bindens und Fesselns (vgl. Vers 25) unterstreicht wirksam das Verstummen.

Verstummen und Schweigen sind zwei völlig verschiedene Hand­lungen. Es ist nämlich ein Unterschied, ob ich nichts sage, weil sich zum Beispiel eine mystische Erfahrung nur schwer vermitteln und auszudrücken läßt, weil man dann eher das Er­lebnis zerredet und der Lächerlichkeit preisgibt, oder ob ich verstumme, weil wir uns nichts mehr zu sagen haben. Rechtes Schweigen ist mehr als nur Nicht-reden. Darüber hinaus sagen uns die Weisen aller Zeiten und Völker: „Schweigen ist mehr als Reden!“ Der Volksmund sagt: „Schweigen ist Gold, Reden ist Silber!“

Schweigen kann aus Furcht geschehen und kann eine Flucht aus der Verantwortung sein. Schweigen kann Zustimmung sein. Schon die Alten kannten den Grundsatz: „cum tacent clamant! – indem sie schweigen, schreien sie, reden sie, stimmen sie zu!“

Nicht nur ein Prophet muß in rechter Weise mit Reden und Schweigen umgehen. Jeder Mensch muß sich der Wirkung seiner Worte und seines Schweigens bewußt sein.

Gebet:
Gott, lehre mich in rechter Weise zu reden und zu schweigen.