14.1.2020

Brot für den Tag 49

Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten (Ps 126,5)

Sonntag 26.11.1995

Zur Polarität des Lebens gehören auch Lachen und Weinen. So gibt es eine Zeit für das Lachen und eine Zeit für das Weinen (vgl. Koh 3,4). Die Spannung zwischen Lachen und Weinen ist verbunden durch eine Flüssigkeit, die wir Tränen nennen. Tränen sind gleichsam eingebettet zwischen Weinen und Lachen; beides gewinnt in ihnen Gestalt. Nicht einmal der Tränenüberströmte kann immer sagen, ob er weint oder lacht.

Wir sind geneigt, immer und überall einen Pol abzuwerten. In diesem Fall trifft das für das Weinen zu. Aber Gott wertet das Weinen wieder auf.

Der Mensch entdeckt im Laufe der Zeit, daß das Glück des Lebens trügerisch und vergänglich ist. Zum wahren und vollen Glück fehlt immer etwas, und darauf richtet sich unsere Hoffnung: „Wer weint, hofft!“ Etwas Schönes ist ein Lächeln unter Tränen. Es ist Hoffnung, wenn jemand erfüllt ist von dem, was er entbehrt. Nur wer in die Endlichkeit eingepaßt ist, spürt sie nicht. Der Dichter Vergil schreibt: „Sunt lacrimae rerum“; das läßt sich kaum übersetzen: „Die Dinge haben ihre Tränen“ übersetzte unvergleichlich Theodor Haecker (1879-1945).  Der Apostel Paulus schreibt: „Wir wissen, daß die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt“ (Röm 8,22).

Die Dinge haben ihre Tränen, aber es weint sie der Mensch. Es gibt Situationen, die mit keiner anderen Antwort zufrieden sind als mit Tränen. Und manches läßt sich nur durch Tränen wirklich erkennen. Der Mensch muß eine falsche Sinngebung seines Lebens erfahren und ausleiden, und das durch Tränen. Er nimmt teil an der Unendlichkeit Gottes; er ist bestimmt für die Ewigkeit; deswegen kann er seine Endlichkeit erfassen und wissend an ihr leiden. So kann nur er wirklich weinen.

Gebet:
Guter Gott, dein Sohn hat die selig gepriesen, die auf Erden trauern, und uns ist verheißen, daß du alle Tränen von unseren Augen abwischen wirst. Laß unser Leben Vollendung finden in deiner ewigen Freude.