17.1.2020

Brot für den Tag 52

Zehn Jungfrauen nahmen ihre Lampen und gingen dem Bräutigam entgegen (Mt 25,1)

Mittwoch 29.11.1995

Das Ende des Kirchenjahres verweist uns auch auf unser Ende. Aber es ist eher ein Anfang als ein Ende, es ist wie eine Einladung zur Hochzeit. Es geht um die Bewegung von der Dunkelheit ins Licht.

In dem Lied „Wachet auf!“ von Philipp Nicolai (1556-1608) sieht der Wächter den Bräutigam Christus kommen. Die Melodie steigt im Dreiklang; der nächtliche Ruf „mit hellem Munde“ – die Melodie gipfelt auf dem Wort „hell“ – und das feste Vertrauen der Wächter „sehr hoch auf der Zinne“ verlangt nach der Gegenbewegung: „Ihr müßt ihm entgegengehn!“

Aber die Lampen müssen noch entzündet werden. Dann schwindet die Dunkelheit und das Licht breitet sich aus, und es öffnen sich die Türen zum glänzenden Freudensaal.

Da ist von früh erloschenen und rechtzeitig brennenden Lampen die Rede. Warum sind das Öl und die Lampen so wichtig? Man könnte auch annehmen, daß erst der Bräutigam das Öl entzündet. Wie aber soll er das tun, wenn in den Lampen kein Öl vorhanden ist. Ob wir solange leben, bis wir genügend Vorrat an Öl haben?

Der Dichter des Liedes achtet nicht auf saubere Reime. Da passen „Stimme“ und „Zinnen“, „kommt“ und „nimmt“, „gespürt“ und „gehört“ zusammen. Aufhorchen läßt: „Kein Aug hat je gespürt“. Wer hätte hier nicht „gesehen“, „geschaut“ oder „erblickt“ erwartet. Kann ein Auge spüren?

Wenn wir von der „visio beatifica“, der „glücklichmachenden Schau“ sprechen, wenn wir Gott in der Ewigkeit „schauen von Angesicht zu Angesicht“, dann zählt ein Teil für das Ganze. Es geht um eine Intensität der Wahrnehmung, die sich mit dem leiblichen Auge allein gar nicht wahrnehmen läßt. Alle Sinne sind beteiligt.

Gebet:
Guter Gott, auf Erden heilte Jesus die Sinne der Menschen, damit sie offen sein konnten für die Schöpfung. Welche Freude wartet auf uns, wenn unser Leib verklärt ist. Wir möchten wie die klugen Jungfrauen dem himmlischen Jerusalem entgegengehen.