14.2.2020

Brot für den Tag 57

Der Same keimt und wächst, und der Mann weiß nicht wie (Mk 4,27b)

Montag 29.7.1996

Zwischen die Gleichnisse von Saat und Ernte, die auch andere Evan­gelisten verkünden, hat allein Markus ein Perle gemischt, das Gleichnis von der „selbstwachsenden“ Saat, wie es im Volksmund heißt. Der Mensch ist „ein homo faber – ein Mensch, der handwerk­lich arbeitet“. Die negative Seite dieser Charakterisierung ist der „Macher“. Dieser lebt sehr gefährlich; denn am Ende bildet er sich ein, alles sei machbar und er könne alles machen.

Gott schaltet uns nicht aus, sondern ein, aber wir dürfen Gott nicht ausschalten. Ein Weisheitsspruch aus dem Osten lautet: „Der Weise tut nichts, und es bleibt nichts ungetan.“ So handelt der Bauer in unserem Gleichnis: Er wacht, er schläft, er hofft, er hat Geduld. Er verzichtet darauf, noch etwas zu machen.

Es geschieht im Leben immer etwas. Der Zustand absoluter Unbeweg­lichkeit ist der Tod. Das Leben ist ein fortlaufender Prozeß, den die Chinesen TAO nennen, das heißt Weg. Wandel ist nicht die Folge irgendeiner Kraft, sondern die natürliche Tendenz, die allen Din­gen und Situationen von vornherein innewohnt. In der taoistischen Philosophie gibt es den Ausdruck „wu wei“, der wörtlich „Nichthandeln“ bedeutet. Damit ist aber keine Passivität, also keine Enthaltung von Aktivität gemeint, sondern ein Sich-Enthalten von einem Tun, das nicht mit dem Lebensprozeß harmonisiert, das dem Leben entgegensteht. „Wu wei“ ist also eine Enthaltung von gegen das Leben gerichtetem Handeln. Wer sich jedes naturwidrigen Handelns enthält, ist in Harmonie mit dem TAO. In diesem Sinne gilt das Paradox: „Durch Nicht-Tun wird alles getan!“

Was zu tun ist, hat Gott getan und tut es weiterhin: Er ist Schöp­fer und Erhalter dessen, was er geschaffen hat. An uns ist es mit­zuwirken. Nur in dem Sinn können wir fragen: „Was soll ich tun, wo kann ich mitwirken?“

Was können wir tun? Glauben und geschehen lassen und unserem eige­nen Leben nicht im Wege stehen. Dann heißt Glauben: Mitwirken mit der Gnade und dem Tun Gottes. Ignatius von Loyola hat das etwa wie folgt formuliert: „Handle so, als hinge alles von dir ab, aber hoffe so, als hinge alles von Gott ab!“

Gebet:
Herr, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.