15.4.2020

Brot für den Tag 60

Er kam von den Grabhöhlen, in denen er lebte (Mk 5,2f)

Donnerstag 1.8.1996

Was ist mit einem Menschen, der in Grabhöhlen lebt? Wir betrachten eine solche Geschichte zu leicht von der Seite derer, die Angst vor ihm haben, weil er gefährlich werden kann. So schildert es auch Markus zunächst in seinem Evangelium. Der Besessene von Gera­sa ist um so gefährlicher, als er mit nichts gebunden werden kann; alle Ketten und Fesseln zersprengt und zerreißt er (Vers 5). Aber er ist nicht nur für andere gefährlich, sondern auch für sich selbst; denn er schlägt sich bei Tag und Nacht mit Steinen. Seine Schreie in die Nacht sind unadressierte Hilferufe. Vielleicht hatte schon jemand versucht, ihm zu helfen, aber es ging nicht.

Nun kommt Jesus in seine Nähe, und es wird gefährlich für ihn. Einerseits will er gesund werden, andererseits fürchtet er die Veränderung: „Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht!“ (Vers 7)

Was muß in einem Menschen vorgehen, der frei sein möchte und doch in Ruhe gelassen werden und weiterhin eingemauert sein will. Aber Jesus gibt nicht auf, er stellt die heilende Frage: „Wie heißt du?“ Dabei zeigt sich, daß der Angesprochene gar kein Ich hat, dem man begegnen kann. Dafür steckt in ihm der böse Geist „Legion“, sozusagen eine Legion von Kräften, die ihn lenken und leiten wie besessen (Vers 9). Davon befreit Jesus ihn. Wohl als Dank will der Mann Jesus folgen, er aber schickt ihn zu den Seinen nach Hause (Vers 18f).

Nicht so kraß, aber ähnlich mag es manchen von uns ergehen. Wir leben zwar nicht in Grabhöhlen, aber eingemauert in die Angst un­seres eigenen Ichs. Und dieses Ich sind wir nicht selbst, sondern die vielen Stimmen in uns, die uns sagen, was wir zu tun und zu lassen haben. Wir sehnen uns nach Freiheit, fürchten uns aber gleichzeitig davor, für unser Tun die Verantwortung zu übernehmen. So wollen wir geheilt werden, lamentieren auch über unser Ge­schick, aber richtig heil werden können wir nicht. Wann erkennen wir, daß wir aus der Grabeshöhle auferstehen dürfen. Wo begegnen wir diesem Jesus, der uns fragt: „Wie heißt du?“ Wo sagen wir die Wahrheit: „Es ist ‚Legion’, der an mir herumzerrt und mein Ich knebelt!“ Wenn wir das zugeben, werden wir frei.

Gebet:
Heiliger Gott, du bist ein Gott der Freiheit. Wir aber haben uns eingesperrt in viele Mauern, die uns hindern, wir selbst zu sein. Dein Sohn möchte auch uns befreien. Gib uns Mut zur Freiheit!