2.6.2020

Brot für den Tag 69

Wer mein Jünger sein will, ... nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach (Lk 9,23)

Samstag 8.2.1997

Das Kreuz ist Zeichen für das Marterholz, das bei der Kreuzigung Jesu verwendet wurde. Darüber hinaus ist es aber ein Symbol für die Vermittlung der Gegensätze von oben und unten, rechts und links, waagerecht und senkrecht. Das Aushalten der Spannung des Lebens kann wie ein Kreuztragen sein. Das Kreuz ist das Zeichen des Leidens, aber auch das der Erlösung und des Sieges.

Weder der einzelne noch eine Gemeinschaft werden vor dem Sterben mit der Polarität des Lebens fertig. Es geht vielmehr um ein Ausharren und Bestehen in allem Vorläufigen und Ungereimten. Die Polspannung des Lebens aushalten entspricht dem Kreuztragen, das täglich erfolgen muß.

Wir sollen die Grenze zwischen den Polen nicht einsatzlos erdulden, sondern sie freiwillig mit Kraft und Be­wußtsein suchen. Unser menschliches Herz mit seinen zwei Seelen in einer Brust sollte ein Ort des Brücken­schlagens sein zwischen den Polen. So sind wir als Menschen selbst Brückenbauer, „Pontifices oppositorum“ und tragen die Spannung wie unser Kreuz. Die Kirche aber sollte ein Ort der Indifferenz sein gegenüber den Polen; das nennen wir heute Toleranz.

Das „Schon jetzt“ der Erlösung in dieser Zeit besteht somit darin, daß grundsätzlich die Trennung eines Dua­lismus aufgehoben ist; das "Noch nicht" dagegen darin, daß die Sündenfolgen bleiben. Unser Kreuztragenmüssen ist die Folge unserer Sünde, die Spannung des Lebens müssen wir noch aushalten, bis die endgültige Erlösung im Tode geschieht. Dann fallen alle Pole zusammen. Erlösung im „Schon jetzt“ bedeutet, daß wir Menschen die Gnade bekommen, unser Kreuz tragen zu können; wir bekommen immer wieder die Kraft, es täglich auf uns zu nehmen. Wir sollten somit erkennen, daß es für uns kein passenderes Kreuz gibt als das, welches uns persönlich zu tragen auferlegt ist.

Gebet:
Guter Gott, laß uns unser Kreuz erkennen als das, was es ist, ein Zeichen der Erlösung.