8.7.2020

Brot für den Tag 75

Hat dich (Frau) keiner verurteilt? (Joh 8,10)

Freitag 31.7.1998

Wie Jesus mit der Ehebrecherin umgeht, ist unglaublich. Viele haben sich an dieser Perikope gestoßen. So fehlt diese Stelle auch in verschiedenen Handschriften der heiligen Schrift. Die werdende Kirche neigte zu einer gewissen Strenge. Da war ihr die Milde, mit der Jesus diese Frau behandelt, unangenehm. Jesus geht davon aus, daß niemand ohne Sünde ist: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie“ (vgl. Vers 7). Als nie­mand einen Stein wirft, stellt Jesus weder die Schuld­frage noch verliert er über die Anklage gegen die Frau ein einziges Wort, sondern reflektiert nur noch das Ver­halten der Ankläger. Jesus will nicht verurteilen, son­dern befreien. Er heißt nicht gut, was die Frau getan hat, aber er ermöglicht ihr einen neuen Anfang durch sein vollmächtiges Wort der Sündenvergebung. Mit Recht gehört diese Geschichte zu den Höhepunkten des Evangeli­ums, weil sich darin die ganze Bedeutung dessen, was Je­sus uns als Erlöser gebracht hat, zeigt.

Die Kirche ist zu allen Zeiten in Gefahr, die Gnade zu verwalten. Das Ablaßwesen ist ein sprechendes Zeugnis dafür. Gerade heute haben viele Menschen den Eindruck, daß dieser Jesus, wie er in der Geschichte mit der Ehe­brecherin erscheint, in den kirchlichen Institutionen, vor allem in der Ehe- und Sexualmoral so gut wie gar nichts mehr zu sagen hat. Wir erleben das in unseren Ta­gen schmerzlich bei der Frage nach der Zulassung Wieder­verheirateter-Geschiedener zu den Sakramenten. Wem er­möglicht die Kirche einen Neuanfang?

Was für die Institution gilt, gilt auch für jeden ein­zelnen Christen. Wie schnell urteilen und verurteilen wir, sogar uns selbst! Von Jesus sollten wir lernen, Gott das Urteil zu überlassen, und da dürfen wir auf Barmherzigkeit hoffen.

Gebet:
Gott, hilf mir, nicht über andere zu richten und mich selbst deinem Gericht zu unterstellen. Erfülle mich mit der Hoffnung auf deine Barmherzigkeit.