24.2.2022

Bruchstücke reichen, um das Ganze zu imaginieren

Rainer Maria Rilke (1875–1926) schreibt im Sonett „Archaischer Torso Apollos“, wie er im Torso das Ganze sieht. Ist es nicht möglich, auch uns selbst als ein Bruchstück zu sehen und das Ganze zu imaginieren?

Ich begnüge mich mit meiner vollkommenen Unvollkommenheit in der Hoffnung, daß Gott vollendet, was ich begonnen habe. Das vollendete Vollkommene ist unbegreifbar. Letztlich ist nur Gott vollen­det, wir Menschen dürfen es auf unsere Weise sein und Mut zur Unvollkommenheit haben; denn sie ist un­ser Erbteil.

Könnte es vielleicht sein, daß Gott wie ein großer Künstler daran interessiert ist, daß sein Werk am Menschen gelingt und er dieses Werk deshalb noch in Arbeit hat? Wie kann ich ihn unterstützen, damit sein Werk gelingt? Ich persönlich habe die Sprache Gottes, die ich als Kind vermutlich besser verstand, wieder gelernt. Ich frage nicht mehr warum, sondern wozu mir etwas passiert, und überlege, was ich daraus lernen soll. Im Alter bin ich heute für alles dankbar, sowohl für das Leichte als auch für das Schwere, das mich reifen ließ.

Was wir selbst in unser Unbewußtes verdrängt haben, ärgert uns an den anderen. Jesus prangert nicht so sehr die Sünde brutaler Menschen an, sondern vielmehr die der sogenannten Braven, die im Blick auf böse Menschen im Bewußtsein ihres guten Gewissens leben, wie zum Beispiel der Pharisäer, der leise betete: „Ich danke dir, Gott, daß ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.“ (Lk 18.11)

Nach dem in der Bibel beschriebenen Sündenfall deutet sich eine Bewußtseinsänderung des gefallenen Menschen an. Er erkennt, daß er viel verwundbarer ist, als er an­ge­nommen hat. Darauf reagiert er mit Scham. Diese entspringt der Scheu vor der Entblößung der eigenen Unvollkommenheit angesichts der Vollkommenheit Gottes.

Als man den sogenannten Sündenfall in der Bibel unter mo­ral­theologischen Aspekten interpretierte, sah man die Sünde in der Übermacht des geschlechtlichen Begehrens, gegen die die Menschen sich durch Verhüllung ihrer Blöße zu schützen suchten.

Peter Schellenbaum (1939-2018) formuliert: „Menschen, die sich oft vor anderen schämen, sind unfrei, lieben sich nicht, neigen zur Verschmelzung mit idealisierten Bezugspersonen – und zur Depression. Ihre Wunde ist die der Ungeliebten. Wie traurig, daß das geschlechtliche Kontaktorgan der Frau als »weibliche Scham« bezeichnet wird, als etwas, dessen sich die Frau zu schämen hat.“

Unser irdischer Lebensweg beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod. Der spirituelle Weg führt zu Gott, unserer Kraftquelle. Dabei gilt: „Geh soweit du kannst, den Rest kommt dir Gott entgegen!"

Die Kirche betet am Samstag der 2. Woche der Fastenzeit: „Gütiger Gott, durch das Wirken deiner Gnade schenkst du uns schon auf Erden den Anfang des ewigen Lebens. Vollende, was du in uns begonnen hast, und führe uns hin zu jenem Licht, in dem du selber wohnst.“