1.10.2020

Corona über alles ...

Sind wir nicht zu sehr fixiert auf das Corona-Virus?

Über kein Thema wird zur Zeit mehr gesprochen als über das Corona-Virus. Selbst bei den Predigten und Morgenandachten darf es offensichtlich nicht fehlen. Wichtig ist, daß wir aufgeklärt werden und uns entsprechend verhalten. Die Gefahr einer Ansteckung wird an die oberste Stelle gestellt. Aber wir verlieren den Blick für die volle Wirklichkeit. Ich nenne nur einige Beispiele.

Bei den Angaben der Zahl der infizierten Menschen wird nicht unterschieden zwischen Infektion und Krankheit. Es gibt Menschen, die infiziert waren, aber nicht krank wurden, daher nahmen sie die Infektion nicht einmal wahr.

Alle Menschen über 60 Jahre, zu denen ich mit meinen 84 Jahren natürlich auch gehöre, gleichgültig in welchem Gesundheitszustand sie sich befinden, leben angeblich mit erhöhtem Risiko. Das Wort „Risikogruppe“ schließt neben der Gefährdung auch das Diktat eines besonderen Schutzes ein; denn die Betroffenen sollen zu Hause bleiben. Der „Schutz“ verkehrt hier seinen Sinn, er entwickelt sich zur Gefahr. Sollte es nicht so sein, daß gerade diese Menschen die Gefahr selbst beurteilen und ihr Leben dann in Eigenverantwortung gestalten, anstatt daß man sie von Amts wegen zu Hause einsperrt? Sind sie nicht dadurch anderen Krankheitsrisiken ausgeliefert, wie zum Beispiel Vereinsamung, Bewegungsmangel, Schlaflosigkeit und Depression?

Ich höre selbst von Ordensgemeinschaften, die ihre „Risikoschwestern“ auf einer besonderen Etage unterbringen und kaum Kontakt zu ihnen aufnehmen: kein Gruß, keine Frage nach dem Befinden und viele Entbehrungen mehr ...

Wie schmerzlich ist es, wenn Menschen sterben, ohne daß jemand bei ihnen sein darf. Ob es da nicht doch Wege gibt, die es ermöglichen, den Sterbenden „nahe“ zu sein?

Mit Corona kam ein Gefühl der Leere und des Alleinseins, das viele vorher nicht kannten. Einsamkeit ist das negative Empfinden, daß etwas fehlt, was man gerne hätte. Der Mensch ist ein soziales Wesen und nach der Geburt lange auf Unterstützung angewiesen. Soziale Kontakte sind eine notwendige Voraussetzung für sein Wohlergehen.

Zu wenig beschäftigt man sich meines Erachtens mit der Frage, wie es nach Corona weitergehen kann. Ein häufiger Tenor lautet zum Beispiel: „Am besten wie bisher, so daß die Wirtschaft wieder wächst, die Flugzeuge wieder in alle Welt starten, die Kreuzfahrtschiffe wieder ausgelastet sind.“

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Unter der Überschrift „Der Seele fehlen die Flügel – Die ‚dritte Welle’ in der Pandemie scheint unaufhaltsam. Es ist die der psychischen Leiden. Sie trifft junge Menschen genauso wie Erwachsene. Warum bleibt der Staat so passiv?“ behandelte Joachim Müller-Jung in der F.A.Z. Nr. 228 vom 30. September 2020 die Fragen, wie weit die psychischen Folgen der Corona-Krise gehen, aber nicht bedacht werden.

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Die Corona-Krise sollte uns zu der Erkenntnis führen, die Rainer Maria Rilke (1875-1926) im letzten Vers seines Sonettes „Archaischer Torso Apollos“ formuliert: „Du mußt dein Leben ändern.“