15.1.2022

Das Eigene und das Fremde 2

Was aber ist das Eigene, was ist das Fremde?

Die Begegnung mit dem Fremden kann uns um unser Eigenes fürchten lassen, uns aber auch faszinieren, weil es Verborgenes und Unbekanntes zu entdecken gibt, das eine Erweiterung und Bereicherung dessen verspricht, was wir unser Eigenes nennen. Das kann schon bei Kleinstkindern geschehen, wie ich es zum Beispiel schon öfter bei Taufgesprächen erlebt habe. Da öffnet mir eine Mutter mit einem kleinen Kind auf dem Arm, das ich auch getauft habe, die Tür. Es schaut mich skeptisch an. Während ich mit der Mutter über die Taufe des Neugeborenen spreche, betrachtet mich das Geschwisterchen prüfend von der Seite. Am Ende des Gespräches sitzt es auf meinem Schoß.

Das Fremde ist das Unvertraute, Unbekannte und Unbewußte, aber auch das aus Angst ungelebte Leben. Es gilt, im Fremden das Eigene zu erkennen. Es geht darum, im Fremden, im Beunruhigenden, vielleicht von mir Abgewehrten und Verdrängten etwas aufzudecken, worum ich mich kümmern sollte, etwas, dem ich mich stellen und womit ich es aufnehmen sollte, um Bereicherung und Erweiterung meines Eigenen zu erfahren.

Durch Kennenlernen des Fremden kann ich meine Ängste verlieren und es letztlich meinem Eigenen integrieren. Gelingt es uns nicht, uns dem zu öffnen, was fremd und anders anmutet, so daß wir es erkennen, ist Verarmung des Lebens und des Eigenen die Folge, und wir laufen Gefahr, in unserer Entwicklung steckenzubleiben.

Das Fremde ist der ausgeschlossene Teil eines Ganzen.

Der Fremdenhaß ist die projektive Ausdrucksform für das Fremdgewordene in uns selbst, also für das ursprünglich Eigene, das wir aber nicht leben und auch nicht wahrhaben wollen.