2.8.2019

Das Reiskorn

Wem Gott allein genügt, der erkennt im Nächsten Gott, ganz gleich, ob er als Bettler kommt, wie der heilige Franz von Assisi (1182-1226) und der heilige Martin (316-397) es erfahren haben, oder ob er als König kommt, wie Rabindranath Tagore (1861-1941) es in einer Geschichte erzählt.

„Ich ging als Bettler von Tür zu Tür die Dorfstraße entlang. Da erschien in der Ferne ein goldener Wagen wie ein schimmernder Turm, und ich fragte mich, wer dieser König der Könige sei. Hoffnung stieg in mir auf: die schlimmen Tage schienen vorüber; ich erwartete Almosen, die geboten wurden. Der Wagen hielt an, wo ich stand. Dein Blick fiel auf mich, und mit einem Lächeln stiegst du aus. Endlich fühlte ich mein Lebensglück kommen. Dann strecktest du plötzlich die rechte Hand aus und sagtest: ‚Was hast du mir zu schenken?’ Welch königlicher Scherz war das, bei einem Bettler zu betteln! Ich war verlegen, stand unentschlossen da, nahm schließlich aus meinem Beutel ein winziges Reiskorn und gab es dir. Doch wie groß war mein Erstaunen, als ich am Abend meinen Beutel umdrehte und zwischen dem wertlosen Plunder das kleine Korn wiederfand, zu Gold verwandelt. Da habe ich bitterlich geweint, und es tat mir leid, daß ich nicht den Mut gefunden hatte, dir mein Alles zu geben.“
Aus „Das goldene Reiskorn“, Eine Anthologie. Hyperion Verlag Freiburg 1961
Könnte ich „mein Alles“ geben?