27.4.2021

Der Herrscher und der Narr ergänzen sich

In früheren Zeiten hatten die Herrscher und sogar der Papst einen Hofnarren. Meistens saß er seinem Herrn zu Füßen und durfte ihm ohne Zurückhaltung die volle Wahrheit sagen, auch wenn sie bitter war. War sie zu bitter, dann hieß es einfach: „Er ist halt ein Narr!“

Während die Herren symmetrisch gekleidet waren, verliefen die Kleiderfarben der Narren kreuz und quer.

Der größte Narr

Es gibt eine alte Geschichte von einem König, der sich nach der Sitte der Zeit einen Hofnarren hielt. Diese Narren hatten das Recht, den Königen und Fürsten die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie bitter war. War sie zu bitter, dann hieß es einfach: „Er ist halt ein Narr!“
Eines Tages schenkte der König dem Narren einen silbernen Narrenstab mit goldenen Glöckchen daran und sagte: „Du bist wirklich der größte Narr, den es gibt. Dafür bekommst Du diesen wertvollen Stab als Auszeichnung für Dein Können und Zeichen meiner Wertschätzung. Du darfst den Stab niemals verkaufen und auch nicht verschenken. Aber solltest Du einmal einem Menschen begegnen, der noch närrischer ist als Du, dann gib diesem den silbernen Stab!“
Jahrelang trug der Narr diesen Stab bis zu dem Tag, an dem er erfuhr: „Der König liegt im Sterben.“ Da hüpfte er in das Krankenzimmer und sagte: „König, ich höre, Du willst eine große Reise antreten.“ „Ich will nicht“, erwiderte der König, „ich muß!“ „Oh, Du mußt?! Gibt es also doch eine Macht, die noch über den Großen dieser Erde steht? Nun wohl! Aber Du wirst sicher bald zurückkommen?“ „Nein!“, schluchzte der König, „von dem Land, in das ich reise, kehrt man nicht mehr zurück.“ „Nun, nun“, meinte der Narr begütigend, „gewiß hast Du die Reise seit langem vorbereitet. Ich denke, Du hast dafür gesorgt, daß Du in dem Land, von dem man nicht zurückkommt, königlich aufgenommen wirst.“ Der König schüttelte traurig den Kopf: „Das habe ich versäumt. Ich hatte nie Zeit, diese Reise vorzubereiten.“
„Oh, dann hast Du sicher nicht gewußt, daß Du diese Reise einmal antreten mußt.“
„Gewußt habe ich es schon, aber, wie gesagt, keine Zeit, mich um eine rechte Vorbereitung zu kümmern.“
Da legte der Narr leise seinen Stab auf das Bett des Königs und sagte: „Du hast mir befohlen, diesen Stab weiterzugeben an den, der noch närrischer ist als ich. König, nimm den Stab! Du hast gewußt, daß Du in die Ewigkeit mußt und daß man da nicht zurückkommt. Und doch hast Du nicht dafür gesorgt, daß Dir die ewigen Türen geöffnet werden. König, Du bist der größte Narr!“