16.2.2019

Der süße Brei (GHM 103) – Die Armut zur Zeit des Elia (1 Kön 17,8-16)

Die beiden Geschichten haben vieles gemeinsam. Beide erzählen in symbolischen Bildern von Urerfahrungen der Menschen miteinander und mit Gott. Das Märchen Der süße Brei erzählt vom nicht zu stoppenden Überfluß, die Geschichte von der Witwe berichtet von der Errettung aus der Armut.

 

Ein Märchen für die Nachkriegszeit
Es erinnert mich an die Zeit, als es abends bei uns zuhause Griesmehlsuppe gab, manchmal sogar mit Himbeersaft. Mein Traum, der Traum meiner Geschwister, der Traum aller Kinder der Nachkriegszeit: Wenn es doch nie aufhören würde mit dem Griesbrei und der Himbeersoße, es sei denn, man mochte ihn nicht. Diesen Traum gab es in einer Zeit, als es nichts gab, alles falsch und Ersatz war. Es gab zum Beispiel Kunsthonig statt echtem Honig, Malzkaffee statt echtem Kaffee, Margarine statt echter Butter und vieles mehr. Ein echtes Nachkriegsmärchen. Wer hätte damals an Übersättigung gedacht?

Im Märchen bringt der Brei die Katastrophe, die Stadt ist zugekleistert, man muß sich durchessen. Ähnlich einem Lavastrom deckt der Brei beinahe die gesamte Stadt zu. Das Mädchen weiß die Lösung, die Mutter nicht.

Heute quillt in manchen Familien nicht nur der Kühlschrank über, sondern auch das Spielzeug. Die Erwachsenen bringen immer noch mehr mit, die Kinder machen es kaputt: Töpfchen steh!

 

Die Bibel erzählt eine Gegengeschichte: Die Armut zur Zeit des Elia
Im Märchen ist es eine alte Frau, die den Topf schenkt und die Not ist zu Ende. In der Bibel ist es der Prophet, der das Letzte will. Die Witwe mit ihrem Sohn lebt wie in der Nachkriegszeit. Wer erinnert sich noch an das Holzauflesen? Der Wald war damals wie gefegt.

Hätten wir das Letzte hergegeben, oder hätten wir gesagt: „Das brauchen wir selbst, das können wir nicht weggeben!“? Geben vom Überfluß, das Letzte geben. Wir Kinder hätten uns damals eine alte Frau gewünscht, die uns etwas gibt.

Im Märchen weiß nur das Mädchen das Zauberwort, aber es geht weg. Brauchen wir die Weisheit der Kinder?

Im Märchen kocht der Brei über, in der Bibel gibt es gerade genug. Dort ist kein Zauberwort nötig.

„Unser tägliches Brot gib uns heute!“

Und bei uns? Ersticken wir schon am eigenen Wohlstand? Wo ist das kleine Mädchen, das das Zauberwort kennt? Wer gebietet Einhalt?

Wir leben heute beinahe wie im Märchen: Immer mehr und besser, Wachstum überall, aber wir merken nicht, wie wir daran ersticken; denn wir haben das Zauberwort vergessen. Wir sind trunken vom Fortschritt, haben schon längst über den Durst getrunken.

„Atomkraft, nein danke!“ – „Frieden schaffen ohne Waffen“, längst vergangene Slogans? Niemand will das kleine Mädchen hören, das keine Ahnung von Wirtschaftsfragen hat. Heute protestieren junge Menschen gegen den Klimawandel.[1]

[1] Siehe RP ONLINE vom 8. Februar 2019 – Schülerproteste gegen Klimawandel – Warum Maja aus Kleve heute die Schule schwänzt,

WN vom 18. Januar 2019 – #FridaysForFuture – Tausende Jugendliche demonstrieren für mehr Klimaschutz
und
F.A.Z. vom 12. Februar 2019 – Die Welt, wie sie ihr gefällt.

Unter der Textüberschrift „Die geeinte Menschheit lässt schon grüßen – Bitte anmelden für den neuen Humanismus: Tristan Garcia versucht sich mit großer Geste als Entschlüssler der Gegenwart“ und der Bildunterschrift „Ein ‚Wir’ im Zeichen des Protests für bessere Maßnahmen zum Klimaschutz: Schüler und Studenten in Berlin während der Tagung der Kohlekommission“ besprach Florian Meinel in der F.A.Z. vom 13. Februar 2019 das Buch „Wir“ von Tristan Garcia.

Tristan Garcia „Wir“
Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann
Berlin: 2018

Link zum Buch mit Leseprobe, Autorenporträt und Rezensionen unter bücher.de

Wir wollen den Fortschritt, aber worin besteht er? Wenn wir so weiterleben wie bisher, haben unsere Nachkommen keine Ressourcen mehr.

Wie heißt unser Zauberwort?

 

 

Demonstration in Münster