Die Beziehungen zwischen Tier und Mensch, aufgezeigt am Zentauren

Zentaur

Der Zentaur ist ein Symbol und Archetyp für die Doppelnatur des Menschen, halb Tier, halb Mensch, ein Pferdeleib mit einem menschlichen Oberkörper. Als solcher ist er als Sternbild des Schützen in den Tierkreis aufgenommen. Er gilt als Bild für das Erspüren der tierischen Triebkräfte des Menschen.

Zentauren stellen eine Verbindung von Geist, Vernunft und Willen dar. Sie sind stark und schnell und lieben den Wein und die Frauen mit unbezwingbarer Begierde. An diese Eigenschaften erinnern auch Redensarten wie „der Gaul geht durch“ oder „er hat eine Roßnatur“. Der unge­stüme Teil in uns Menschen darf nicht unterdrückt werden, sondern ist zu zügeln. Ein Bild dafür ist zum Beispiel die Quadriga, ein zweirädriger Streitwagen der Antike, in den vier Rosse nebeneinander eingespannt sind und deren Zügel ein Wagenlenker in der Hand hält.

Erwin Meroth hat ein Zaumzeug für Pferde erfunden, das das Pferd nicht über den Schmerz lenkt. Jahrhunderte lang mußten Reittiere leiden, heute gelingt die sanfte Kommunikation übers Pferdemaul ohne Eisen. Xenophon (um 430-355 v.Chr.G.), ein Schüler des Sokrates (469-399 v.Chr.G.), schreibt: „Lehrt man ein Pferd, bei leichter Zügelführung vorwärts zu schreiten, so wird man auf diese Art bewirken, daß das Pferd etwas tut, woran es selbst Freude hat und womit es prangt.“

Der berühmteste Zentaur aus der griechischen Mythologie trägt den Namen Chiron. Er gilt als erster mythologischer Arzt, als Urbild eines Schamanen mit Zugang zur Welt der Pflanzen und Lehrer von Asklepius und von Orpheus.

Sigmund Freud sieht den Menschen mit seinem „Ich“ als Reiter, der das „Es“, das Pferd, im Zaum hält. Statt eines Pferdes kann „Es“ auch ein Tiger oder ein Ochse sein. Aber das Pferd steht dem Menschen besonders nahe, was sich auch in der Darstellung des Zentauren widerspiegelt.

Die Zähmung aller ungestümen Neigungen und wilden Triebe ist die Vorausset­zung für ein gottesfürchtiges Leben und für die wahrhaftige Liebe zwischen Mann und Frau.