15.10.2021

Die Frucht des Leidens

Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? (Lk 24,26)

„Aus dem Leiden gingen die stärksten Seelen hervor.“ (Khalil Gibran)

Bereits im Schöpfungsbericht der Bibel erwähnen die Autoren auch die Begegnung des Menschen mit dem Leid (vgl. Gen 3). Der Schmerz ist ihm von Geburt an eingewoben; denn das Leiden gehört zu seinen Grunderfahrungen. Auch an den Tieren geht diese Erfahrung nicht vorbei.

Friedrich Nietzsche (1844-1900) war der Meinung, überleben könne nur, wer im Leiden einen Sinn finde.

Wer Böses erfahren hat, erkennt, daß es kein menschliches Leben ohne eine Kultur des Umgangs mit dem Leid und dem Leiden gibt. Das gilt sogar für Jesus, der schwer leiden mußte. Leid und Leiden dürfen nicht mit dem Bösen gleichgestellt werde. Der Glaube an Gottes Gegenwart beendet nicht das Leiden, wohl aber die Erfahrung des Bösen. „Nicht das Ende des Leidens, sondern das Ende des Bösen ist der Kern der christlichen Botschaft.“ (Ingolf U. Dalferth * 1948).

Leiden hat nicht selten den Anschein von Strafe, es ist jedoch eine Voraussetzung für Reifen und Wachsen. Das zeigen zum Beispiel die Sprichwörter „Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt“ und „Per aspera ad astra – Über rauhe Pfade zu den Sternen“.

Wir müssen aus dem Mutterschoß, um Mensch zu werden; wir werden entwöhnt; wir müssen aus dem Elternhaus, in die Schule und in die Ausbildung; wir haben Alter, Krankheit und Tod anzunehmen und vieles mehr, all das kann sehr leidvoll sein.

Die unendliche Energie der Sehnsucht bricht oft am ehesten im Leiden auf. „Die eigene Sehnsucht und die Not ist die Spiegelschrift der Verheißungen Gottes.“ (Simone Weil 1921-2007)

Lie­be ist nicht nur eitel Sonnenschein mit vielen Schmet­ter­­­lingen im Bauch. Sie enthält auch ein Element des Leidens. Aber wer sagt heute noch: „Ich mag dich leiden!“?

 

 

Die französische Schauspielerin und Mystikerin Gabrielle Bossis (1874–1950) hörte Christus sagen: „Warum opfert man mir nur Leiden? Meinst du nicht, daß deine Freuden mir nicht ebensoviel wert sind, wofern sie mir nur mit der gleichen Liebe dargebracht werden? Ich bedarf eurer Mühsale und eurer Müdigkeit, aber nicht weniger bedarf ich eurer Freuden.“

 

* * * * *

ELPI: Herr, jetzt liege ich schon seit zwei Wochen krank im Bett, und die Arbeit türmt sich. Kannst du mich nicht gesund machen?

JESUS: SCHWEIGT

ELPI: Was ist, Herr? Ich muß zusehen, wie die Gemeinde ohne mich auskommt, und für dich wäre es ein leichtes, mich zu heilen.

JESUS: Du sagst es, Elpi. Die Gemeinde kommt ohne dich aus. Warum nimmst du dich so wichtig?

ELPI: Wichtig? Aber Herr, die Gemeinde braucht mich, wie Schafe ihren Hirten brauchen.

JESUS: Elpi, ich brauche dich auch.

ELPI: Na siehst du. Dann ändere bitte meine Lage, und ich werde für dich Bäume ausreißen.

JESUS: Du mußt gar nichts Großartiges tun, Elpi, sondern du sollst nur das Kleine artig tun. Ich brauche deine Hingabe.

ELPI: Die wirst du bekommen, sobald ich wieder auf den Beinen bin.

JESUS: Du verstehst mich falsch, Don Elpi. Wenn du ja sagen kannst zu deiner Krankheit, kannst du mir mehr dienen als in deinem unermüdlichen Schaffen.

ELPI: Das, Herr, ist etwas, was ich nie begreifen werde.

JESUS: Ich will nicht, daß du mich begreifst, Elpi. Ich will, daß du mich liebst.

ELPI: Du machst es einem nicht leicht, dich zu lieben, Herr.

JESUS: Ich weiß, Elpi. Wen ich liebe, dem mute ich viel zu.

ELPI: Wenn das so ist, Herr, dann liebe mich ein bißchen weniger.

JESUS: Elpi!

ELPI: Entschuldige, Herr. Ich bin ein wenig aufgeregt.

JESUS: Aber bitte, Don Elpi.

ELPI: SCHWEIGT EIN WEILE UND SPIELT NERVÖS MIT SEINEN FINGERN.

JESUS: Nun, Elpi, hat es dir die Sprache verschlagen?

ELPI: Aber nein, Herr; ich meine: ja ..., ich ähm ... Was soll ich den Leuten sagen, wenn sie mich nach dem Sinn ihres Leids fragen?

JESUS: Sage ihnen, daß sie mir vertrauen sollen!

ELPI: Du hast gut reden, Herr. Daran fehlt es ihnen ja gerade.

JESUS: Ich weiß, Elpi. Sage ihnen, daß ihr Leid nicht umsonst ist und daß ich sie hundertfach für ihre Hingabe belohnen werde.

ELPI: Sie werden mich fragen, warum du ihre Gebete um Heilung nicht erhörst. So viele verzweifeln am Elend, da kann ich doch nicht hingehen und sagen, wie sehr du sie liebst und belohnen wirst.

JESUS: Elpi, ich leide mit ihnen. Verstehst du denn nicht, daß ich eure Mitarbeit und Solidarität brauche? Liebe und Leid sind eins.

ELPI: Nein, Herr, das verstehe ich nicht. Aber ich liebe dich trotzdem.

JESUS: Danke, Elpi. Das freut mich.

ELPI: Herr?

JESUS: Ja, Don Elpi.

ELPI: Wenn ich zum Leid ja sage, machst du mich dann gesund?

JESUS: Jetzt beginnst du zu verstehen. Schau, Elpi, nicht ich bin es, der das Leid und das ganze Unheil in die Welt bringt, sondern Satan. Seine größte Niederlage ist es, wenn die Menschen im Leid ja sagen und sich mir anvertrauen. Dann kann ich alles zum Besten wenden.

ELPI: Aber du könntest doch dieses ganze Teufelspack zur Hölle schicken!

JESUS: Das wird auch bald geschehen. Nur noch eine kleine Weile, und sein Einfluß ist zu Ende. Bis dahin brauche ich eure Mitarbeit. Und vor allem dein Vertrauen, Elpi.

ELPI: Hast du, Herr, hast du. Wir werden das gemeinsam schaffen, nicht wahr?

JESUS: Natürlich, Don Elpi.

(Autor unbekannt)