14.6.2019

Die Funktionen der Sinne

Durch jeden unserer Sinne dringt eine ganze Welt in unser Seeleninneres ein. So suchte das flutende Licht sein Tor und bil­dete das menschliche Auge, und durch das tönende Wort bildete sich das menschliche Ohr. Aber nicht das Auge sieht und das Ohr hört, sondern der Mensch sieht und hört physio­lo­gisch mit seinem Gehirn, psychologisch aber mit seinem Her­zen. Der französische Dichter und Flieger Antoine de Saint-Exupéry (1900–1944) läßt den Kleinen Prinzen sagen: „On ne voit bien qu’avec le cœur. L’essentiel est invisible pour les yeux – Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Und der Apostel Paulus bittet für die Christen in Ephesus: „Gott erleuchte die Augen eures Her­zens ...“ (Eph 1,18)

Fast alles, was wir bewußt und gezielt aufnehmen, kommt über den Gesichts- und Gehörsinn zu uns. Diese Sinne stellen sozusagen den geplanten und gepflegten Teil im Garten unseres Innenlebens dar. Der Geschmacks-, der Geruchs- und der Fühl- und Tastsinn dagegen sind der wild belassene, ursprüngliche Teil. Vor allem der Fühl- und Tastsinn und der Geruchssinn sind die unmittelbaren Gefühlskanäle für unsere Auseinandersetzung mit der uns umgebenden Welt. Von den Riechzellen führen die Nervenbahnen fast unmittelbar ins Gehirn. Das Riechorgan ist gewissermaßen ein der Außenwelt zugewandter Teil des Gehirns. Bei den anderen Sinnesorganen sind die Nervenverbindungen zum Gehirn hin länger und dadurch weniger direkt. Die Geruchsnerven führen in den ältesten und primitivsten Teil des Gehirns, in das sogenannte „Limbische System“, in dem unsere Gefühle und Emotionen ausgelöst werden. Die Nerven der anderen Sinne führen vorwiegend in den Kortex, die Hirnrinde, wo die Funktionen des analytischen Denkens angesiedelt sind.

Jeder Sinn hat seinen stark emotionalen Anteil: Wir se­hen „voll Begeisterung“, hören etwas „mit Erschütterung“, rie­chen etwas „mit Wohlgefallen“, schmecken etwas „mit Genuß“ oder die Erregung all dieser Sinne erfüllt uns „mit Abscheu“.

Die Kernreaktorkatastrophe in Tschernobyl am 26. April 1986 hat einen anthropologischen Schock ausgelöst, weil sie in höch­stem Maße auf eine nicht wahrnehmbare, hochgradige Ge­fahr aufmerksam gemacht hat. Durch viele technische Er­rungen­schaften ist eine Enteig­nung der Sinne geschehen. Der Mensch ist besonders in bezug auf Atomstrahlung auf Infor­mationen aus zweiter Hand an­ge­­wiesen, um auf diese nicht wahrnehm­bare Gefahr zu reagieren.