9.7.2019

Die Gabe der Tränen 1

Sammle meine Tränen in einem Krug (Ps 56,9)

Zur Polarität des Lebens gehören auch Lachen und Weinen. So gibt es eine Zeit für das Lachen und eine Zeit für das Weinen (vgl. Koh 3,4). Die Spannung zwischen Lachen und Weinen ist ver­bunden durch eine Flüssigkeit, die wir Tränen nennen. Fasern des Lachnervs Va­gus reichen bis in die Tränendrüsen. Tränen sind gleichsam einge­bettet zwischen Weinen und Lachen; beides gewinnt in ihnen Gestalt. Nicht einmal der Tränenüberströmte kann immer sagen, ob er weint oder lacht. Weinen oder Lachen kann eine Reaktion auf eine starke Be­troffenheit sein, und das eine kann auch in das andere umkippen. So hat manches Gesicht zugleich ein lachendes und ein weinendes Auge. Das entspricht der janusköpfigen Wirklichkeit des Lebens.

Beim Krokodil sind zum Beispiel die Tränen- und Speicheldrüsen eins, so vergießt es beim Fressen Krokodilstränen. Beim Menschen weisen die Tränendrüse und die Speicheldrüsen gewisse Ähnlichkeiten auf. So können Tränen auch die Nase und den Mund befeuchten. Bei manchen Menschen lassen zum Beispiel scharfe Gewürze Tränen aus Augen und Nase tropfen.

Viele Menschen stellen sich vor, im Himmel herrsche Lachen ohne Ende und in der Hölle Heulen und Zäh­neknirschen.

Geheucheltes Lachen beziehungsweise Weinen bezeichnet man als Hohn- oder Höllengelächter beziehungsweise als Heulen und Flennen; zum Heulen aber sind die Tränen zu schade.

Tiere können nicht lachen, aber weinen, Engel hingegen nicht weinen, aber lachen. Zur Erdenzeit des Menschen gehören La­chen und Weinen.

Wir sind ständig geneigt, einen Pol abzuwerten. In diesem Fall betrifft es das Weinen. Es gibt mehr Situationen, in denen nicht geweint werden darf, als solche, in denen nicht ge­lacht werden darf.

Wenn wir über die Gaben der Trä­nen nachdenken, dann nicht über Freudentränen, sondern über Trä­nen, die beim Weinen vergossen werden; denn im Grunde beziehen wir Tränen mehr auf das Weinen als auf das Lachen.