10.7.2019

Die Gabe der Tränen 2

Sunt lacrimae rerum – Die Dinge haben ihre Tränen (Vergil)

Weinen und Lachen kennzeichnen die „Sprache“ des Neugeborenen, bevor es sprechen kann. Das Weinen entwickelt sich vor dem Lachen. Das erste selbständige Atmen nach der Geburt ist ein Einatmen, und mit dem Einatmen und Anhalten des Atems erfolgt das Weinen. Beim Lachen verhält es sich umgekehrt. Das Letzte auf dieser Erde wird ein Ausatmen sein, und Gott beschenkt den Verstorbenen mit einem neuen Odem; ein wahrer Grund zur Freude. In der Re­gel haben gerade Verstorbene einen völlig gelösten Gesichtsaus­druck.

Obwohl es ein Glück ist zu leben, schreit das Kind zunächst nach der Geburt. Es ist die erste Todesbe­drohung; denn der Weg ins Leben führt durch die Enge des Geburtskanals. Zarathustra galt bei den antiken Autoren als der einzige Mensch, der als Neugeborener gelacht hat statt zu weinen; dadurch zeigte er schon bei der Geburt seine außergewöhnliche Natur. Augustinus (354-430) meinte allerdings, in diesem ungewöhnlichen Geburtsla­chen habe sich das Urbild des Ketzerfürsten enthüllt.

Im Laufe seines Lebens entdeckt der Mensch, daß irdisches Glück trügerisch und vergänglich ist. Zum wahren und vollen Glück fehlt immer et­was, und darauf richtet sich unsere Hoffnung: „Wer weint, der hofft!“ Etwas Schönes ist ein Lächeln unter Tränen. Hoff­nung zeigt sich, wenn jemand erfüllt ist von dem, was er entbehrt. Nur wer in die Endlichkeit eingepaßt ist, spürt diese Zuversicht nicht. Der Dichter Vergil (70-19 v.Chr.G) schreibt: „Sunt lacrimae rerum“; das ist schwer zu über­setzen. Übertragungen wie „Trä­nen über die Dinge weinen“ oder „Es gibt Tränen über Unglück“ geben nicht die eigentliche Aussage wieder. „Die Dinge haben ihre Tränen“ hat unver­gleichlich Theodor Haecker (1879-1945) über­setzt. Der Apostel Paulus schreibt: „Wir wissen, daß die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburts­wehen liegt“. (Röm 8,22)

Die Dinge haben ihre Tränen, aber es weint sie der Mensch. Es gibt Situationen, die mit keiner anderen Antwort zufrieden sind als mit Tränen. Und manches wird erst wirklich erkannt durch Tränen. Diese Tränen werden zu Tränen der Sehnsucht nach Vollendung, zu Tränen der Reue über Sünde und Schuld. Eine falsche Sinngebung des Lebens muß ausgelitten und erfahren werden, und zwar durch Tränen. Der Mensch nimmt teil an der Unendlichkeit Gottes; denn er ist bestimmt für die Ewigkeit. Er vermag, seine Endlich­keit zu erfassen und wissend an ihr zu leiden. Daher kann nur er wirklich weinen.

In der Bibel steht allerdings nicht, daß Adam und Eva ge­weint haben, als Gott sie aus dem Paradies verbannte. Zum ersten Mal hören wir in der Bibel vom Weinen, als Hagar in der Wüste ihren Sohn vor Durst sterben sieht, da setzt sie sich nieder und weint (Gen 21,16). Auch ihr öffnen die Tränen die Augen. Sie sieht einen mit Wasser gefüllten Brunnen. Tränen machen die Augen heller und das Herz sehender.

Die Tränen und das Weinen haben einen physischen, einen psychischen, einen gesellschaftlichen und einen spirituellen Aspekt.