12.7.2019

Die Gabe der Tränen 4

Tränen psychisch gesehen

Aus psychologischer Sicht hat eine Person, die weint, sich bereits mit den Ursachen ihres Schmerzes auseinandergesetzt und ist da­bei, sie zu bewältigen. Weinende können leichter von ihrem Zorn ablassen. Jean-Paul Sartre (1905-1980) sieht in den Tränen eine magische Er­satzhandlung für Wut und Traurigkeit. Der sprechendste Ausdruck in der Hilflosigkeit der Trauer ist Weinen. Tränen sind ein Akt des Ausstoßens dessen, was uns verlassen hat. Das Auge ist das wichtigste Organ, einen Verlust zu bestätigen. Das weinende Auge sucht das Verlorene, kann es aber nicht sehen. Freies, gelöstes Weinen ist ein Zeichen für die Anerkennung des Verlustes. Die Unfähigkeit zu weinen ist ein Anzeichen für behinderte Trauer.

Andererseits weint der Mensch auch, wenn eine belastende Situation einen glücklichen Ausgang gefunden hat. Die Tränen fließen auf Grund der Befreiung von der Belastung. Für aus diesem Anlaß Weinende sind Tränen Durchgangsstadium zum Glück. Wer nicht lei­det, hat keinen Beweggrund zur Veränderung.

Es gibt unterschiedliche Theorien, warum wir weinen. Die einen sagen: „Wir weinen, weil wir denken.“ Die anderen: „Die Wahrnehmung eines unwillkürlichen Aus­bruchs der Tränen löst beim Weinenden ein Nachdenken über die Ur­sache aus.“

Weinen ist in den unterschiedlichen Kulturen körperli­cher Ausdruck für bestimmte Emotionen. Diese Empfindungen sind nicht nur negativer Art. Es gibt auch die Freu­dentränen, und auf dem Grund eines jeden Glückes liegt eine Träne. Beim Er­wachsenen ist das Weinen auf vielfältige Weise interpretierbar, was beim Säugling kaum möglich ist.

Wer nicht weint, stirbt vermutlich früher. Daß Frauen älter werden als Männer, mag unter anderem daran liegen, daß sie mehr weinen. Jeden Tag werden in der Bundesrepublik vierzig Badewannen voll Tränen ver­gossen, vierunddreißig von Frauen und sechs von Män­nern. Warum Frauen mehr weinen als Männer, ist bis heute nicht vollkommen geklärt. Man nimmt an, ein Grund sei die um ein halbes Grad höhere Tränentempe­ratur der Frauen. Daher seien die Fettanteile in der Flüssigkeit geschmeidiger und erleichterten so den Tränenfluß.

Therapeuten vertreten die These, die gleiche Salzsäure, die in Tränen enthalten sei, befinde sich auch in Magengeschwüren. Vielleicht leiden Männer häu­figer an Magengeschwüren als Frauen, weil sie weniger weinen.

Aber auch ganz allgemein sitzen bei manchen Menschen die Tränen lockerer als bei anderen; sie haben näher am Wasser gebaut; bereits ein kleines Pro­blem kann den Tropfen hervorrufen, der das Faß zum Überlaufen bringt. Wenn der Krug mit Tränen gefüllt ist, muß er ausgegossen werden.

Zwanzig Tränentropfen wiegen nur ein Gramm, aber das hat es in sich. Deshalb sollten wir jeder nicht vergossenen Träne nachweinen.