16.7.2019

Die Gabe der Tränen 5

Tränen gesellschaftlich gesehen

Gesellschaftlich hat man das Weinen im Laufe der Zeit unterschiedlich betrachtet und bewertet. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts wird es für Männer in den intimen Raum gedrängt. Öf­fentlich zu weinen schickt sich nur noch bei ungemein starken Empfindungen. Weiche Gefühle gelten als Schwäche. Nicht einmal ein kleiner Junge darf weinen; denn angeblich tun es die Indianer auch nicht. Nur wenige Anlässe gestehen das Weinen zu: Weinen darf unter anderen der Trauernde und der Sportler, der gesiegt oder auch verloren hat, sowie der Staatsmann, der ernannt oder entlassen wurde. Im Krieg durfte der Soldat über den möglichen eigenen Tod keine Träne vergießen, sondern nur weinen, wenn er nicht mit den Kameraden in die Schlacht ziehen konnte.

Simone de Beauvoir (1908-1986) berichtet in ihren Memoiren von einem Kinobe­such mit Jean-Paul Sartre (1905-1980). Der Film war so bewegend für Simon de Beauvoir, daß sie nur mit Mühe die Tränen zurückhalten konnte. Sie bewahrte aber Haltung und war darauf sehr stolz. Als sie das Kino verließen, sah sie, daß Jean-Paul Sartre ein tränenfeuchtes Ge­sicht hatte.

Es gibt eine Tabuisierung des Weinens aus gesellschaftlichen, politischen, religiösen, pädagogischen und sonstigen Gründen. Lachen hat einen sehr stark gemeinschafts­bezogenen Charakter. Es geschieht fast immer in Anwesen­heit eines anderen Menschen. Man kann jemanden an- aber auch aus­lachen. Im Gegensatz dazu gibt es weder ein An- noch ein Ausweinen. Das Weinen ist eher ein In-sich-hinein-weinen, manchmal auch Selbstmitleid oder sogar ein Mittel, um etwas zu errei­chen. Selten gibt es ein Mitweinen, eher die Aufforderung, mit dem Weinen aufzuhören.