17.7.2019

Die Gabe der Tränen 6

Tränen spirituell gesehen

Ganz gleich aus welchem Grund wir weinen, wir machen den anderen hilflos in seiner Hilfsbereitschaft. Oft kommt dann der Ausspruch: „Hör doch auf, es ist schon wieder gut!“ Das Weinen soll möglichst bald zum Stillstand kommen; denn der andere kann es nur schwer ertragen. Wir erleben recht selten, daß jemand mitweint. Neben der Aufforderung zum Mit­freuen ruft der Apostel Paulus auch auf: „Weint mit den Weinen­den!“ (Röm 12,15). Zum Menschsein gehören Lachen und Weinen; zum Christsein gehört, mit den Weinenden zu weinen und mit den Lachenden zu lachen.

Bis zur Liturgiereform gab es eine eigene Votivmesse „Um die Gabe der Tränen“. Die drei Orationen lauteten:

Tagesgebet (Oratio)
Allmächtiger und mildreicher Gott, du ließest dem dürstenden Volke eine Quelle lebendigen Wassers aus dem Felsen strömen; so entlocke auch unserem harten Herzen Tränen der Zerknirschung, damit wir un­sere Sünden beweinen können und durch dein Erbarmen Verzeihung er­langen.

Gabengebet (Secreta)
Herr, unser Gott, wir bitten dich: blicke gnädig auf dieses Opfer, das wir deiner Majestät für unsere Sünden darbringen, und laß aus unseren Augen Ströme von Tränen fließen, durch die wir die ver­diente Feuersglut auszulöschen vermögen.

Schlußgebet (Postcommunio)
Herr, unser Gott, gieße mildreich in unsere Herzen die Gnade des Heiligen Geistes; diese bewirke, daß wir durch Seufzen und Weinen unsere Sündenmakel abwaschen und von deiner Huld die ersehnte Ver­zeihung erlangen.

Wir tun uns heute mit manchen der angesprochenen Bilder schwer. So ist die Seele nicht einfach beschmutzt und wird durch Weinen abge­waschen, um dann wieder schmutzig zu werden. Obwohl auch die Pfingstsequenz uns singen läßt: „Wasche, was beflecket ist; heile, was verwundet ist; tränke, was da dürre steht.“ Der Gründonnerstag ist der Tag der Greinenden, der weinenden Büßer, die in einem eigenen Gottesdienst wieder aufgenommen werden in die Eucharistiegemein­schaft der Kirche.

Die Evangelien sprechen nie von einem lachenden Jesus. Wohl wird zweimal ausdrücklich gesagt, daß Jesus geweint habe: Er weint über den toten Lazarus (Joh 11,33) und über Jerusalem (Lk 19,41); an dieser Stelle steht heute eine kleine Kirche mit dem Namen „Dominus fle­vit – Der Herr hat geweint“. Die mönchi­schen Heiligen haben wie Jesus nie gelacht. Fran­z von Assisi (1181-1226) ist in der Einsiedelei von Greccio mit tränenden Augen ge­malt. Er hat aber nicht so sehr den Gesichtsausdruck eines weinen­den, sondern den eines leidenden Menschen. Er litt an der sogenannten ägyp­tischen Augenkrankheit.

Die heilige Monika (331-387) hatte die Gabe der Tränen. Diesen Tränen sei­ner Mutter verdankt Augustinus (354-430) seine Bekehrung. So heißt es auch im Tagesgebet am Fest der hl. Monika:

„Allmächtiger Gott, du hast auf die Tränen der heiligen Monika ge­schaut; du hast ihr Flehen erhört und ihrem Sohn Augustinus die Gnade der Bekehrung ge­schenkt.“

Tränen gehören zu den besten Mitteln, die Gott uns gibt, damit wir zu ihm durchdringen. Rosa von Lima (1586-1617) sagte: „Die Tränen gehören Gott; jeder, der sie vergießt, ohne an Gott zu denken, raubt sie ihm.“

Es gehört zum Wesen der Tränen, daß sie stets durchdringen. Sie kommen aus den Augen und aus dem Herzen; sie entspringen dem Herzen und entströmen den Augen; sie sind zugleich ein Geheimnis des Leibes und des Geistes.

Im Leben der Menschen gibt es geweinte und ungeweinte Tränen. Die ungeweinten bleiben stecken und verhärten oder versteinern sogar das Herz. Man meint, Krebs entstehe aus den in der Kindheit nicht ge­weinten Tränen. Ein Asthmaanfall kann aus einem unterdrückten Schrei entstehen, wenn jemand nicht fähig ist, seine Gefühle durch Weinen abzureagieren.

In den Seligpreisungen werden die Trauernden gepriesen (Mt 5,4). Es ist bereits ein Trost, daß sie klagen und weinen dürfen. „Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen.“ (Lk 6,21) Die Trauernden und Wei­nenden sind nicht nur diejenigen, denen Freude entgangen ist, die für ihre Sünden büßen müssen, die traurig sind über die Macht des Bö­sen in der Welt, sondern es sind auch diejenigen, die das eigene Geschick in Gottes Hände legen. Das Lachen ist dann auch weit mehr als der Lohn für das Weinen. Der Trost ist dann Gott, der alles in allem ist und nichts zu wünschen übrigläßt.

So steht im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes (21,4), daß die Verheißung des Propheten (Jes 25,8) sich erfüllen wird: „Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.“

Unser irdisches Leben beginnt mit Weinen, dann lernen wir das Lächeln und später das Lachen. Aber immer wieder gibt es Grund zum Weinen. Der Sioux-Indianer Hehaka Sapa (1863-1950) formulierte folgende Le­bensweisheit: „Ihr habt bemerkt, daß die Wahrheit mit zwei Ge­sichtern auf die Welt kommt: das eine ist traurig und voller Leid, das andere lacht. Und doch ist es ein und dasselbe Gesicht, ob es nun lacht oder weint. Wenn Menschen am Verzweifeln sind, ist das lachende Gesicht besser für sie; aber wenn es ihnen zu gut ergeht und sie sich zu sicher fühlen, ist es besser für sie, das weinende Gesicht zu sehen.“