11.11.2020

Vom Soldaten zum Bischof

Der Name Martin geht auf den römischen Kriegsgott Mars zurück. Als Soldat zu Pferd begegnete Martin einem frierenden Bettler, nahm sein Schwert, teilte seinen Mantel und gab ihm die eine Hälfte. Aber warum gab er ihm nicht den ganzen Mantel? Einem römischen Offizier gehörte nur die Hälfte des Mantels, die andere war Besitz der römischen Armee. In einer nächtlichen Traumvision erfuhr Martin, daß ihm Christus selbst in Gestalt des Bettlers begegnet war.

Heute ist der geteilte Mantel das gängige Symbol bei Martinsfeiern. Mit dem Lied „Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind …“ zieht in den frühen Abendstunden des 11. November, dem Gedenktag des Heiligen, der Martinszug mit Kindern und Erwachsenen durch die Straßen zahlreicher Orte und Städte. Ein als Soldat oder auch als Bischof gekleideter Martin auf einem Pferd führt den bunten Laternenzug an. Dieses Brauchtum legt den Heiligen auf eine einzige Rolle fest. Andere Begebenheiten aus seinem Leben finden keine oder nur äußerst selten Erwähnung, so zum Beispiel in den vor allem in Frankreich häufig präsentierten „Sons et Lumières – Ton-Licht-Spektakeln“ an historischen Gebäuden, insbesondere an Kathedralen.
Laut seinem Biographen Sulpicius Severus (etwa 363–420/25) begann Martin im Alter von 15 Jahren den Militärdienst. Diesen verließ er nach den allgemein üblichen 25 Dienstjahren und seiner Taufe als Mitglied der kaiserlichen Reitergarde. Er trat in den geistlichen Dienst und gründete in Ligugé bei Poitiers die erste mönchische Gemeinschaft nördlich der Alpen.

In Ligugé soll er auch ein Wunder gewirkt haben. Über dem Eingang der daraufhin errichteten Kapelle befindet sich eine Marmortafeltafel mit der Inschrift „Hier hat der hl. Martin im 4. Jahrhundert den Katechumenen von den Toten auferweckt“.
Seine Erhebung zum Bischof von Tours erfolgte durch die dortige Bevölkerung. Im Gegensatz zu anderen Bischöfen seiner Zeit lebte er sehr asketisch, jedoch ohne Leibfeindlichkeit. Für Sulpicius Severus repräsentiert er das Ideal eines Christen.

Römische Kaiser bevorzugten und förderten bereits zu Martins Lebzeiten das Christentum, obwohl es damals noch nicht Staatsreligion war. Viele aus dem Adel stammende Bischöfe führten nach wie vor „ihr angenehmes Herrenleben“, und nicht selten fehlte ihnen auch jegliche theologische Bildung. Für sie beinhaltete das Amt oft lediglich den Machtaspekt. Ganz anders verhielt es sich bei Martin. Er wurde Bischof von Tours, weil er Macht im Sinne des Evangeliums besaß. Während seiner 26jährigen Amtszeit soll er nie auf dem Bischofsthron Platz genommen, sondern sich immer mit einem einfachen Schemel begnügt haben. Dieses Verhalten erregte die Verachtung seiner gallischen Bischofskollegen, die ihn des Bischofsamtes für unwürdig hielten.
Am 8. November 397 starb Martin auf einer Visitationsreise in Candes. Daraufhin stritten die Menschen in Tours und Poitiers über den Ort für die Beisetzung ihres Bischofs. Mittels einer List entführten die Mönche von Tours den Leichnam in ihre Stadt und setzten ihn dort bei. Sein Nachfolger ließ über diesem Ort eine Kapelle errichten.
Die fränkischen Könige vereinnahmten 100 Jahre später Martins Mantelreliquie, die sogenannte cappa. Sie wurde zum Reichskleinod. Die Könige nahmen sie mit auf Reisen und in die Schlacht. So fühlten sie sich sicher unter dem Schutz ihres Heiligen.
In der heutigen Zeit der Globalisierung mit ihrer immer weiter auseinanderklaffenden Schere zwischen Armen und Reichen könnte Sankt Martin als Beispiel dienen für eine gerechte Verteilung der Besitztümer in der Welt.

Link zur Deutschen Stiftung Denkmalschutz

Siehe auch Impuls vom 11. November 2018 – Die Hälfte ist auch schon hilfreich.