14.11.2019

Die Schlüssel der Liebenden

Der Schlüssel zum Reichtum des Lebens ist die Liebe. Der wahre Bund fürs Leben ist der Schlüsselbund. Paradoxerweise erscheint in einem mittelalterlichen Liebesgedicht ein verlorener Schlüssel als Zeichen von Glück. So heißt es in einer um die Mitte des 12. Jahrhunderts entstandenen Handschrift des Klosters Tegernsee:

„Du bist min, ich bin din: Des solt du gewis sin. Du bist beslozzen In minem herzen; Verlorn ist daz slüzzelin: Du muost immer drinne sin. – Du bist mein und ich bin dein, des sollst du gewiß sein. Du bist beschlossen in meinem Herzen. Verloren ist das Schlüsselein, du sollst nun immer drinnen sein.“

Heute hängen Verliebte ein Schloß an Brücken, ja sogar an Tore von Erinnerungsstätten und Kirchen. Der eine ist Schlüssel für den anderen, indem er dessen Herz aufschließt und es in sein Herz einschließt. Aber Liebe kann man nicht einsperren, sonst wird der verlorene oder gar weggeworfene Schlüssel zum Symbol des Leids. Wahres Glück ist es, wenn ich sagen kann: „Ich gebe dir den Schlüssel zu meinem Herzen, du kannst kommen und gehen. Ich glaube an deine Treue und Freiheit.“

Der Schlüssel zum Nächsten ist der Nächste selbst.