Die vier Elemente

Einleitung

Die Heilige Schrift, besonders die Psalmen, sind voller Bilder. In exegetischen Kommentaren werden diese nicht behandelt. Das Beten mit der Schrift, besonders mit den Psalmen, könnte leichter werden, wenn die Bilder zu uns sprächen.

Es geht um eine Ergänzung zur historisch-kritischen Exegese, auf die wir in der nachaufgeklärten Zeit nicht mehr verzichten können. Wir sollten uns aber auch auf die kosmische Dimension der biblischen Texte einlassen. Die Bildwirklichkeit der biblischen Geschichte, ihre kosmische Gestalt, will nicht so sehr über Vergangenes informieren, sondern vielmehr das erzählte Ereignis so vermitteln, daß es heilend wirkt, indem es demjenigen, der sich glaubend dieser Wirklichkeit aussetzt, Heil verschafft.

In unserer heutigen technisierten Welt verkümmert unsere eigene Bilderwelt allzu leicht. In einer Sekundärwelt des Selbstproduzierten ist es wichtig, wieder auf die Spur der Schöpfung zu gelangen. Es kommt auf ein Einüben in richtiges Sehen an, auf ein Sich-Öffnen für die Bilder, die uns noch begegnen. Es gilt, den Blick zu schärfen für das Hintergründige des zunächst im Vordergründigen Erscheinenden. Alles Sichtbare ist ein Hinweis auf ein geheimnisvolles Unsichtbares.

Neben dem zwar wichtigen kausalen Denken als Möglichkeit des Erkennens, gibt es die Möglichkeit des analogen Denkens. Es geht um das Bewußtwerden der Entsprechungen zwischen den Dingen. Verwandte Wesensstrukturen offenbaren sich der schauenden Erkenntnis in der Ähnlichkeit der Phänomene. Die frühe Medizin hat auf diese Weise nach Heilmitteln gesucht.

Die Grundsätze der Analogie lauten: Was oben ist, entspricht dem, was unten ist, was unten ist, entspricht dem, was oben ist. Das Außen entspricht dem Innen und das Innen dem Außen.

Kausales Denken wird vom Schlußfolgern bestimmt, analoges Denken von der geistigen Sehkraft, in den Phänomenen die Wesensgestalt wahrzunehmen.

Es geht um Intuition. Diese besteht nicht im Kopfverstand, sondern in einer Tiefenintelligenz, die durch meditatives Hören und Schauen aktiviert wird; man denke zum Beispiel an das Bild des Storches, der die Kinder aus dem Teich holt.

Es geht um den Versuch, die biblischen Erzählungen wie ein Bild oder eine Dichtung auf sich wirken zu lassen. Das Bild hat eine innere Logik und diese hat ihre Entsprechung in der Erfahrung des Menschen, der sich dem Bild aussetzt.

Das Bewußtsein der Alten war geprägt von einer makrokosmischen-mikrokosmischen Entsprechung. Der Mensch ist in seiner Selbsterkenntnis auf den Kosmos angewiesen, wie er ihn mit Hilfe der Sinnesorgane erfaßt und in sich aufnimmt. Das zeigt sich unter anderem in der Wirksamkeit der alle Sinnesorgane ansprechenden kosmischen Symbolik altkirchlicher Liturgie sowie in der Ostkirche ohne Predigt.

Die patristische Exegese versteht die biblischen Erzählungen nicht als Informationen, sondern als Bilder des Heils. Damit ist die Erschließung und Aneignung durch Identifizierung gegeben, ohne daß die Texte geschichtslose Mythen werden.

Die vier Elemente

Die Vierzahl ist Symbol für das kosmische Ganze. Der Begriff „Element“ enthält mehr als der Begriff „Aggregatzustand“, so gibt es H2O (Wasser) als Eis, Wasser und heißen Dampf. Die Aggregatzustände sind Abstraktionen ohne kosmischen Zusammenhang, rein physikalisch, zu denen das Feuer schon nicht mehr gehört. Der Begriff „Element“ umfaßt das Prozessual-Wirksame, in dem sich das Wesenhafte ausdrückt.

Die vier Elemente sind nicht ein Teil der bisher bekannten 103 Elemente der Chemie. Die Lebens-Elemente lassen sich von den chemischen Elementen unterscheiden. Das Element Erde beinhaltet Festes, Wasser Flüssiges, Luft Hauchförmiges und Feuer Wärmeartiges.

Was haben wir mit den Elementen zu tun, beziehungsweise diese mit uns?
Zum einen gibt es eine bestimmte Zuordnung der Sternzeichen:
Erde                        Stier, Jungfrau, Steinbock
Wasser                   Skorpion, Krebs, Fische
Luft                        Wassermann, Zwilling, Waage
Feuer                     Löwe, Widder, Schütze.
Zum anderen sind wir je nachdem, wo wir uns aufhalten, wie wir sportlich aktiv oder beruflich tätig sind, mal dem einen, mal dem anderen Element näher. Man denke zum Beispiel an den Wanderer (Erde), den Gleitschirmsegler (Luft), den Schwimmer (Wasser) oder den Vulkanologen (Feuer).

Es gibt keine festen Grenzen zwischen den Elementen, zum Beispiel sind in Wasser auch Luft und andere Gase enthalten, und es gibt keine Luft ohne Wasser.

Wir finden eine schichtartige Anordnung der Elemente vor. Gegründet liegt das Feste zuunterst, seine Oberfläche wird zum größten Teil vom flüssigen Element bedeckt, darüber erhebt sich die Schicht der Atmosphäre, welche sich nach und nach zum Weltenraum hin verliert.

Die Symbolik der Vierzahl ist das kosmische Ganze.

Vier Elemente sind es, so überliefern es uns die Alten, aus denen die ganze Welt zusammengesetzt ist. In einer ständigen Bewegung des Mischens, Trennens und Verwandelns bestimmen sie Werden, Wachsen und Vergehen, schaffen Leben, bedrohen und zerstören es aber auch.

Die Vorsokratiker meinten, alles Leben sei aus Wasser oder Luft entstanden. Heraklit glaubte, das Feuer sei „arche = Anfang, Ursprung“ aller Dinge. Aber Feuer steht nicht am Anfang des Lebens, es ist vielmehr das Leben selbst. Wasser und Luft halten in Bewegung, Feuer aber verändert. Wie sehr sind wir belebt, wenn wir für etwas oder für jemanden entflammt sind.

In Wärme, Licht und Ton begegnen wir einer höheren Entwicklungstufe im Bereich der wahrnehmbaren Erscheinung. Wärme und Licht wirken lockend, lösend, befreiend. Im schwingenden Ton wird die Substanz in immer neue Rhythmen abwechselnder Zusammenziehung und Wiederausdehnung versetzt.

„Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand, ohne Gott ein Tropfen in der Glut, ohne Gott bin ich ein Gras im Sand und ein Vogel, dessen Schwinge ruht. Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft, bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft. (Jochen Klepper 1903-1943)

In den einzelnen Kulturen symbolisieren die Elemente als Urprinzipien die Ordnung der Schöpfung. Wo sie unterschiedliche elementare Energien repräsentieren, werden sie oft auch mit den verschiedenen Kräften im Menschen, mit seinen Fähigkeiten und Temperamenten in Verbindung gebracht. Sie spiegeln die eigenen inneren Gesetze des Menschen im großen Ganzen. Vielleicht gewinnen diese Urbilder einer natürlichen Ordnung eine neue Bedeutung angesichts der Fähigkeit des modernen Menschen, seinerseits diese Lebenselemente zu gefährden, zu vergiften und vollends zu zerstören.

Wenn alles aus Feuer >Luft, >Wasser, >Erde stammt, dann ist Materie kondensiertes Licht, das Ende der Wege Gottes. Die Materie strömt dahin zurück; denn sie sehnt sich nach Vergeistigung.

Man könnte das Kreuz als Heilszeichen ergänzen, indem man wappenartig in die vier Felder Symbole für die Elemente malt: kleine Hügel für die Erde, Schlangenlinien für das Wasser, eine lodernde Flamme für das Feuer und ein Segel für den Wind.

Wir wachsen nicht im leeren Raum auf, sondern sind der Berührung und Formung durch Erde, Wasser, Luft und Feuer ununterbrochen ausgesetzt. Ohne solch elementaren Einflüsse ließe sich kein Leben auf Dauer verwirklichen. In dem Maße, in dem sich das Leben dem Umgang mit den Elementen entzieht, verliert es an Kraft und Farbe, entfremdet es sich in erschreckender Weise.

In der Bibel sind die Elemente wichtige Aspekte. Wir sind der Erde verbunden, da wir aus ihr gebildet sind und sie uns trägt. Wie ein Tonkrug sind wir auf der Töpferscheibe als Kunstwerk gemacht/entstanden. Das Paradies ist von vier Strömen durchflossen, in der Taufe wird das Wasser zum Träger des Heils, und Jesus spricht vom Wasser des Lebens. Mit dem Lebensodem wurden wir belebt, und das sanfte Wehen wird zum Medium der Offenbarung. Gottes Geist berührt die Menschen in der Gestalt des Windes. Bei der Taube geht es um das Schwingen der Flügel. Im Feuer erscheint Gott sowohl am Sinai als auch im brennenden Dornbusch. Wir sollen Feuer und Flamme für Gott sein.

Wir sehen die Elemente oft nur noch mit den Augen des Physikers und Chemikers, des Biologen und des Landwirtes. Wir sollten sie aber wie Franz von Assisi mit dem Blick der Liebe und Verehrung betrachten.

Siehe auch Die Elemente unter verschiedenen Aspekten.