28.10.2021

 

 

 

 

Die Zeit vertreiben

„Wunderliches Wort: die Zeit zu vertreiben", sagt Rainer Maria Rilke (1876-1971). Das müssen wir aber, wenn wir den Augenblick, das Jetzt, erfahren wollen.

Durch Pausieren und Stillstand entsteht Erholung und Rückbesinnung auf sich selbst. Es geht um eine spezielle Zeit, eine Auszeit, es gilt, sich Momente zu verschaffen, in denen man sich selbst anders spürt als sonst. Zeitvertreib ist nicht das Gegenteil von Langeweile, sondern deren Fortsetzung und Steigerung mit anderen Mitteln. Langeweile ist ein Zustand des Wartens, ohne daß man weiß worauf. Wie ergeht es den Menschen, die sich durch Vergnügungen und Zeitvertreib jeglicher Art stets mehr zu zerstreuen suchen? Sind sie nicht oft vor sich selbst auf der Flucht? Dahinter aber steht die Scham vor ihrem eigentlichen Wesen.

Diesem begegnen wir zum Beispiel in der Meditation. Es gilt, ganz im Jetzt zu sein, wodurch die Zeit vertrieben wird. Dadurch begegnen wir dem Göttlichen in uns und erfahren uns als Gottes Geschöpf. Manche Menschen, die Übungen des Zen praktizieren, träumen davon, in einer Zen-Meditation zu sterben.

 

Doehlemann, Martin
Langeweile? Deutung eines verbreiteten Phänomens
Frankfurt/M Suhrkamp 1991
ISBN: 9783518116418

 

 

 

 

Rainer Maria Rilke:

Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!
Sie zu halten, wäre das Problem.
Denn, wen ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben,
wo ein endlich Sein in alledem? -

Sieh, der Tag verlangsamt sich, entgegen
jenem Raum, der ihn nach Abend nimmt:
Aufstehn wurde Stehn, und Stehn wird Legen,
und das willig Liegende verschwimmt -

Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; -
aber auch in ihnen flimmert Zeit.
Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt
obdachlos die Unvergänglichkeit.