Dreifaltigkeitssonntag im Jahreskreis C (16.6.2019)

Gott ist dreifaltig Einer

Schriftstellen:
Erste Lesung: Spr 8,22-31
Zweite Lesung: Röm 5,1-5
Evangelium: Joh 16,12-15

Als Augustinus am Meer über die Dreifaltigkeit nachdachte, traf er einen Knaben, der eine kleine Grube in den Sand gegraben hatte. Augustinus (354-430) fragte ihn, was er da mache. Er sagte: „Ich schöpfe das Meer in die Grube.“ Augustinus: „Das kannst Du doch gar nicht, das Meer ist viel zu groß.“ Der Knabe: „Ebensowenig kannst Du ergründen, was die Dreifaltigkeit ist.“

Dennoch meinen manche Theologen zu wissen, wer und was die Dreifaltigkeit ist. Ganz unterschiedliche Vorstellungen haben die Künstler. Sie gestalten die Dreifaltigkeit zum Beispiel als drei Hasen, drei Flammen oder Tropfen, drei Gestalten, meist drei Männer oder als sogenannten Gnadenstuhl.

Leichter zu verstehen ist die personale Kategorie:
Ich und Du = Wir und der Heilige Geist als Band der Liebe, als das große Dazwischen.

Die spätere theologische Tradition verkündet, in Gott selbst müsse Beziehung sein, ja er selbst sei Beziehung. Das ist die Aussage der dogmatischen Lehre von der Dreifaltigkeit Gottes.

Der Mensch als Ebenbild Gottes ist deswegen auch Beziehung und keine fensterlose Monade. So ist auch die gesamte Schöpfung Beziehung. Alles hängt mit allem zusammen.

Als der Dreifaltige kommt Gott auch immer wieder auf uns zu. In Jesus Christus wird er, was wir sind, und sein Geist will uns begeistern und das, seitdem wir getauft sind.

Wir haben ihn empfangen in Taufe und Firmung. Die meisten von uns wurden als Kinder getauft. Während die Taufe bei Erwachsenen Besiegelung des Glaubens ist, ist sie bei Kindern Quellgrund für den sich entwickelnden Glauben. Sind wir aus getauften Unmündigen mündige Christen geworden? Was tun wir für unseren Glauben?

Lassen wir Gottes Heiligen Geist zwischen uns? Machen wir sein „Dazwischen“ zur Hauptsache?

Der Heilige Geist wird der Gemeinde auf ihrem Weg in die Zukunft beistehen, in neuen geschichtlichen Situationen den Willen Jesu zu erkennen und danach zu handeln. Als Evangelienperikope für den Dreifaltigkeitssonntag wurde die Stelle offensichtlich ausgewählt, weil die wechselseitige Beziehung von Vater - Sohn - Heiliger Geist darin thematisiert ist. Zudem hat der Paraklet, der Heilige Geist, fast schon personale Züge, so daß die spätere Trinitätstheologie, die auch den Heiligen Geist als Person deutet, hier wichtige Anknüpfungspunkte findet.

Kein Interesse hat der Evangelist Johannes allerdings an innertrinitarischen Spekulationen. Der Blick ist auf die Menschen, auf die Gemeinde gerichtet. Sie sollen durch den „Geist der Wahrheit“ in eine immer tiefere Beziehung zum Sohn geführt werden und dadurch auch in Verbindung mit dem Vater treten.

„Zwischen“ hat im alltäglichen Gebrauch auch andere Bedeutungen, oft die eines unwichtigeren Mittelstücks, wie zum Beispiel Zwischenbemerkung, Zwischenbericht, Zwischenlösung, Zwischenaufenthalt, Zwischenabrechnung und vieles mehr.

Der Zwischenraum kann aber durchaus auch die Haupt­sache sein. Das bringen die beiden folgenden Texte eindrucksvoll zum Ausdruck.

Christian Morgenstern
Der Lattenzaun

Es war einmal ein Lattenzaun,
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.
Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends da -
und nahm den Zwischenraum heraus
und baute draus ein großes Haus.
Der Zaun indessen stand ganz dumm,
mit Latten ohne was herum.
Ein Anblick gräßlich und gemein,
drum zog ihn der Senat auch ein.
Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri- od Ameriko.

Ein Schlüsselerlebnis für meinen Lehrer Karlfried Graf Dürckheim entzündete sich an Laotse:

Tao-Te-King (11. Abschnitt)
Dreißig Speichen treffen die Nabe,
Die Leere dazwischen macht das Rad.
Lehm formt der Töpfer zu Gefäßen.
Die Leere darinnen macht das Gefäß.
Fenster und Türen bricht man in Mauern.
Die Leere darinnen macht die Behausung.
Das Sichtbare bildet die Form eines Werkes.
Das Nicht-Sichtbare macht seinen Wert aus.

Lassen wir Gottes Geist dazwischen!
Wir brauchen keine Türme, die in den Himmel ragen. Sie werden zerstört. Gottes Geist ergießt sich auf uns, er ist zwischen uns und hilft, wenn wir einander nicht verstehen. Wie oft hören wir folgende Äußerungen von Menschen, die in einer Gemeinschaft miteinander leben: „Ich verstehe dich nicht!“ „Verstehst du mich?“

Diese Formulierungen beziehen sich nicht auf das akustische, sondern vielmehr auf das inhaltliche Verständnis. Das Dazwischen muß stimmen. Erst dann verstehen wir einander. Lassen wir ihn also dazwischen, den Heiligen Geist, das große „Dazwischen“!

Denn „Dazwischen“ ist mehr als etwas zwischen Bier und Schaum, es ist das große Dazwischen von Gottes Heiligem Geist.