Einkleiden – Kleider als Uniform

Haben Sie schon einmal eine Uniform getragen? Die meisten denken bei diesem Begriff sofort an die Kleidung von Soldaten. Aber jegliche für eine Gruppe von Menschen einheitliche Kleidung läßt sich als Uniform bezeichnen; denn sie macht die Menschen gleichförmig (uniformis {lat.} = einförmig).

Wenn sich der Schnitt einer Uniform auch immer wieder ändert, so ist sie doch mehr oder weniger unabhängig von der Mode; das macht sie auch als Ordenskleid geeignet. Dieses ist zugleich Zeichen der einen Gemeinschaft, in der auch jedes Mitglied gleich sein soll. Die Äbtissin und der Abt sind nur durch ihr Brustkreuz und ihren Ring zu erkennen.

Das Ordenskleid oder den Habit überreicht man den Novizen, sie tragen es als Zeichen der Freundschaft mit Christus, und es ähnelt einem Festkleid. Wie das Brautkleid Ausdruck der Freude der Neuvermählten ist, so ist das Ordenskleid Ausdruck der Freude der Novizen über ihre Vermählung mit Christus – Novizinnen gleichen bei der Einkleidung in vielem den Bräuten bei der Hochzeit. Das Ordenskleid ist zugleich ein Pilgerkleid, in dem die Ordensleute den wiederkommenden Herrn erwarten. Die alten Mönche legten den Habit auch nachts nicht ab, und etliche wurden damit begraben. Da das Ordenskleid Zeichen der Weihe an Gott ist, kann man auch von einer Klausur des Kleides sprechen. So wie es die Abgeschlossenheit des Raumes gibt, gibt es auch eine Abgeschlossenheit durch das Kleid. Besonders deutlich wird dies an der Kukulle, einem stoffreichen Mantelumhang mit kapuzenartiger Kopfbedeckung, die die Mönche beim Chorgebet tragen.

Das geistliche Gewand soll helfen, Zeugnis abzulegen von der Gemeinschaft mit Christus. Wenn der Habit auch nicht „den Mönch ausmacht“, wie die alten Theologen sagten, so erinnert dieses Kleid doch immer wieder an die Spannung zwischen dem, was der Mensch ist, und dem, was er sein sollte.

Ebenso wie das Ordens- und Priesterkleid eine berufliche Verpflichtung mit sich bringt, ist dies auch bei anderen Trachten und Uniformen der Fall. Von einer Servicekraft der Bahn erwartet man Auskunft über Zugverbindungen, Medizinern und Pflegepersonal vertraut man seine gesundheitlichen Probleme an, und beim Auftauchen der Polizei erforscht manch einer gleich sein Gewissen. Die starke Wirkung der Uniform zeigt die Köpenickade des Schusters Wilhelm Voigt, der in der geliehenen Uniform des Hauptmanns die Stadtkasse von Köpenick beschlagnahmte. Es ist beschämend, daß wir oft nur das Äußere sehen und unser Blick nicht tiefer dringt.

Für Strafgefangene ist es sehr demütigend, alle Kleidung ablegen zu müssen und die unpersönliche Sträflingskleidung angepaßt zu bekommen. Mit Straflagern ist in der Regel auch die Rasur der Körperhaare verbunden. Jegliche Individualität wird ausgelöscht.

Kleidung war früher in besonderem Maße sowohl Ausdruck der Individualität als auch der sozialen Rolle. Heute gibt es keine feste Ordnung der Stände mehr und somit auch keine Standeskleidung. Früher trug der König eine Krone und den Hermelin, wohingegen das Bauernkind barfuß ging, einen Trachtenrock und eine Leinenbluse trug. Heute herrscht eher eine klassenlose Kleidung vor. Und doch legen vermutlich gerade deshalb viele Menschen großen Wert auf ihr „Outfit“. Früher hatte alles seine Ordnung, da wußte man, „Kleider machen Leute“, und daran hielt man sich. Heute ahmt die untere Schicht die obere nach und umgekehrt. So kam zum Beispiel mit den Jeans die Mode von unten nach oben. Gerade bei den Jeans zeigt sich, daß die Kleidung sehr viel Unbewußtes und Irrationales in sich birgt. Es geht nicht nur um praktisch und bequem, auch nicht um das Bedecken einer Blöße; denn die hautengen Jeans leisten das alles gerade nicht. Stoffe verhüllen weniger von demjenigen, der sie trägt, als sie enthüllen; denn sie sind ein Teil seiner Persönlichkeit.

Wonach ist mir, wenn ich mich heute morgen ankleide? Möchte ich lieber eine Uniform tragen oder eher etwas Extravangantes, lieber die Uniform der derzeitigen Mode oder etwas, was mir persönlich entspricht?