Entkleiden – Mein Kleid ist Licht

Mit dem Zu-Bett-gehen ist ein Entkleiden verbunden. Dieses ist ein Vorgang, den wir in der Regel vor den Augen anderer verbergen. Welche Prozedur nehmen manche Menschen am Strand auf sich, um nur nichts von ihrer nackten Haut sehen zu lassen.

Nacktheit sah man nicht immer negativ. Es gibt sogar eine sakrale Nacktheit; denn Kleidung kann hinderlich sein beim Kontakt mit dem Heiligen. Selbstentblößung kann Verzicht auf Macht sein und Sich-Entblößen bedeutet ein Sich-Ausliefern an eine höhere Macht. Gustave Thibon (1903-2001), der Biograph von Simone Weil (1909-1943), formulierte: „Der Held trägt eine Rüstung, der Heilige ist nackt!“ Als Saul in prophetische Ekstase geriet, „zog er seine Kleider aus und blieb in Verzückung den ganzen Tag und die ganze Nacht“ (1 Sam 19,24). Nacktheit kann ein Symbol sein für das radikale Angewiesensein des Menschen auf Gott. So war es zum Beispiel für den heiligen Franz von Assisi (1181-1226), als er sich auf dem Marktplatz nackt auszog und seine Kleider seinem Vater zurückgab. Eine derartige Symbolik kommt aber dort, wo man den Leib geringschätzt, nicht zur Geltung.

Ersatz für gänzliche Nacktheit ist zum Beispiel das Lösen von Knoten und Schlingen an der Kleidung, das büßende Gehen in Sack (Lendenschurz) und Asche, das Zerreißen der Kleider, das Ablegen der Schuhe im Islam, der Kopfbedeckung im Christentum oder die entblößte Schulter bei den buddhistischen Mönchen.

Unbekleidetsein heißt nicht unkeusch sein, das kann man auch bekleidet. Bei Naturvölkern schämen sich die Frauen, ihre Genitalien zu verhüllen, weil ein Lendenschurz für sie ein Preisgeben der Körpermitte bedeutet, die sonst durch keusche Nacktheit behütet ist. In unserer Kultur hat Kleidung die Aufgabe, die Begegnung der Geschlechter personal und menschenwürdig zu gestalten und eine Dominanz geschlechtlicher und genitaler Reize zu vermeiden. Nicht die Nacktheit als solche reizt die Sinne, sondern die erotische Inszenierung der Nacktheit oder der Teilnacktheit durch die Mode, etwa im tiefen Dekolleté oder im Minirock bei Frauen und in engen Jeans oder figurbetonter Kleidung bei Männern. Am FKK-Strand erregt die Blöße des einen keinerlei Interesse des anderen, nachweislich gibt es dort keine Sexualverbrechen.

Ist das heutige Verlangen nach Nacktheit ein Verfallszeichen oder ein Signal der Befreiung? Auf jeden Fall muß ein Abbau vieler Ängste vor der Leiblichkeit stattfinden. In der Nackheit werde ich zurückgeworfen auf meine eigene Haut, ohne Zeichen des Standes oder des Prestiges; ich existiere nur noch in meiner Leiblichkeit.

Nicht jedes Bild, das einen unbekleideten Körper zeigt, ist schon erotisch. Erotik wirkt im Bereich des Versteckten, des Flüchtigen. Wo man sie zu dick aufträgt, wird sie zu plakativer Sexualsymbolik. Im Gegensatz zur Pornographie lebt die Erotik vom sanften Rätsel. Der lächerliche Aspekt kommt in ihr nicht weniger zur Gel­tung als der bittere Ernst.

Für Ärzte, Künstler und Bademeister ist der unbekleidete Leib etwas Alltägliches. Aber sobald der Blick von diesem Alltäglichen auf das Individuum geht, regt sich die Scham. Scham ist eine Urregung des Menschen. Die Person schützt ihre Individualität vor dem Zugriff des Alltäglichen. Der Unterschied von Scham und Schamlosigkeit liegt nicht in mehr oder weniger Kleidung, sondern in der Haltung des Menschen, beziehungsweise in der Intention eines Aktbildes, eines Filmes oder Ähnlichem.

Viele Formen der Enthüllung sind Verkleidungen der Liebe. Manche wollen die Nacktheit als Mode propagieren, aber diesen Menschen geht es nur um eine Befreiung vom Kleiderzwang, um die Freiheit, ausgezogen angezogen zu sein.

Unsere Gesellschaft unterwirft alles dem Konsum, also auch die Geschlechtlichkeit und das ist unvereinbar mit Scham. Intimität und Scham gehören zusammen. Scham wacht über die Grenze der privaten Intimität und verdeckt und verhüllt Schwächen. Scham ist ein Schutz vor Macht und Mißbrauch; unangemessene Scham aber ist ein Gefängnis. Wo Menschen selbstbestimmt mit ihrer Nacktheit und Geschlechtlichkeit umzugehen vermögen, wandelt sich die Scham gegenüber anderen zur gemeinsamen Offenheit.

Mögen wir uns nackt betrachten? Wäre es nicht wünschenswert, beim Anblick eines nackten Menschen eher Gott für die Schönheit zu danken als Angst vor unkeuschen Gedanken zu haben?