14.10.2021

Die Erbsünde als „ererbte“ Struktur des Bösen

Die Erbsünde (lat. peccatum originale = Ursünde) ist keine Sünde im üblichen Sinne, für die der Mensch verantwortlich ist. Was wir „Erbsünde“ nennen, haben wir weder geerbt noch ist es Sünde. Manche Theologen halten den Begriff „Erbsünde“ für „äußerst unglücklich“ und schlagen statt dessen „Vorpersonale Unheilssituation“ vor. Was wir „Erbsünde“ nennen, schleppt jeder Mensch, mit Ausnahme der unbefleckt empfangenen Jungfrau Maria, ohne sein Zutun vom Mutterleib an mit sich.

Etwas Ähnliches wie die Erbsünde sind die Einschärfungen, die Eltern ihren Kindern „eintrichtern“ und die den Menschen ein Leben lang begleiten. Die Psychologie spricht von einem „Skript“, das an die nächste Generation weitergegeben wird. Diese „Vererbungskette“ zu durchbrechen, gelingt nur durch die mühsame konsequente Arbeit an uns selbst, sie ist aber auch die lohnendste Investition.

Laut Augustinus (354-439) kommen wir mit der Erbsünde auf die Welt, und Schuld daran sind Adam und Eva, die sich von der Schlange verführen ließen.

Die Möglichkeit zum Bösen liegt in uns selbst. Es gilt, sie dort zu zähmen. Meine Generation (Jahrgang 1936) hat zum Beispiel in der Schule noch die Faust in der Tasche geballt, weil sie es nicht gewagt hat, sich den Lehrpersonen zu widersetzen. Heute haben die Lehrpersonen nicht selten Angst vor ihren Schülern und deren Eltern.

Die zahlreichen Kriege zeigen, wozu der Mensch fähig ist. Er wird unter Umständen zur Bestie. „In jedem von uns steckt ein kleiner Hitler und ein kleiner Gandhi“, formulierte die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross (1926-2004) oder anders ausgedrückt: „ein Dr. Jekyll und ein Mr. Hyde.“

Im Werk von Erasmus von Rotterdam (vermutlich 1466/1467/1469-1536) spricht eine personifizierte Natur zum Menschen: „Ich formte dich zu einem Gott ähnlichen Wesen“, und fragt ihn: „Was kam dir in den Sinn, dich selbst in eine solch unmenschliche Bestie zu verwandeln, daß künftig, verglichen mit dem Menschen, kein Tier mehr als Bestie gelten kann? Und wann hat man je gehört, daß hunderttausende wilde Tiere übereinander herfallen, um sich gegenseitig zu zerfleischen, wie es die Menschen überall tun?“

In den Waffenarsenalen lagert eine Zerstörungskraft, die die Erde mehrfach in die Luft sprengen könnte.

Der Mensch ist nicht wie das Tier mit „gekrümmten Krallen“, „hervorstehenden Hörnern“ und „hakenförmigen Zähnen“ versehen, sondern von Natur aus „unbewaffnet“.

Manchmal denke ich: „Bei ihrer Erschaffung war die Welt gut, aber im Laufe der Geschichte verschlimmerte sich ihre Situation“, und ich frage mich: „Wohin mag das noch führen, und wo wird es enden?“